Im Norden und Süden zuhause: Diese Bundesländer sind reich an Mooren

Atlas

Moore in Deutschland sind Hinterbliebene der letzten Eiszeit vor rund 12.000 Jahren. Zu finden sind sie heutzutage vor allem in Norddeutschland, aber auch an den Alpen. Doch weil sie oft trockengelegt wurden, sind die wenigsten Flächen noch intakt.

Mooratlas Infografik: Gesamte Emissionen aus entwässerten Mooren je Landkreis im Jahr 2020, in 1.000 Tonnen CO₂-Äquivalente
Teaser Bild Untertitel
Moorzerstörung für Ackerbau und Grünland nimmt vielen Tieren und Pflanzen den Lebensraum. Und setzt große Mengen klimaschädlicher Treibhausgase frei

Die Entstehungsgeschichte von Mooren begann nach der letzten Eiszeit vor etwa 12.000 Jahren und führt zurück zu gigantischen Gletschern, deren Abschmelzen im Zuge der Erwärmung der Atmosphäre große Überschwemmungen verursacht hat, vor allem in der norddeutschen Tiefebene und im Voralpenland. Dort kommen Moore bis heute besonders häufig vor: In Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Bayern und Baden-Württemberg. Damals hinterließ das Schmelzwasser wassergefüllte Senken und Täler, in denen Pflanzen nach ihrem Absterben wegen des hohen Wasserstandes nicht vollständig zersetzt, sondern ihre abgestorbenen Teile luftdicht unter Wasser konserviert wurden. Millimeter um Millimeter wuchsen so über die Jahrtausende immer dickere Torfschichten, die einst als nasse Landschaften über 4 Prozent des gesamten Gebiets der heutigen Bundesrepublik bedeckt haben. Zum Vergleich: Dabei handelt es sich um eine Fläche, die mit seinen 1,8 Millionen Hektar so groß ist wie das gesamte Bundesland Sachsen. 

Cover Mooratlas

Der Mooratlas 2023

Der Mooratlas beleuchtet in 19 Kapiteln die Folgen der Zerstörung dieser einzigartigen Lebensräume und zeigt die Chancen nasser Moore und ihrer Nutzung für die Gesellschaft auf, um alle Akteur*innen zum Handeln zu ermutigen – „Moor muss nass“!

Zum Mooratlas

Heutzutage sind wegen menschlicher Eingriffe viele Moore überhaupt nicht mehr als solche erkennbar – auf ihnen grasen nun Kühe, wachsen Maiskolben, stehen Häuser oder ganze Siedlungen. Seit Beginn der Industrialisierung wurden in Deutschland über 90 Prozent aller Moore trockengelegt. Ein großer Teil der Moore wurde sogar erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts zerstört. Die Fläche jener Moore, die noch als naturnah gelten, ist mittlerweile nur noch etwa so groß wie das kleinste deutsche Bundesland Bremen.  

Das moorreichste Bundesland ist Niedersachsen, wo sich mit 600.000 Hektar ein Drittel aller deutschen Moore befindet – eine Fläche, die 30-mal so groß ist wie die Landeshauptstadt Hannover. 70 Prozent der niedersächsischen Moore werden landwirtschaftlich genutzt, für Ackerbau, aber vor allem als Grünland. In Niedersachsen liegen außerdem 95 Prozent der deutschen Torfabbaugebiete: Rund 6,5 Millionen Tonnen werden hier pro Jahr auf Hochmoorflächen abgegraben, die zum Beispiel zur Pflanzenanzucht im Gartenbau verwendet werden. Ein bekanntes Beispiel für flächendeckende Entwässerung von niedersächsischen Moorflächen ist der 1950 im Bundestag beschlossene Emslandplan. Um die damals als "Armenhaus" geltende Region nach vorne zu bringen, wurden bis 1965 jedes Jahr etwa 1 Prozent des Bundeshaushalts in das Emsland investiert. Dampfpflüge zogen mit ihren Scharen metertief durch die Moorböden, um sie zu lockern, mit Sand zu vermengen und sie für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Insgesamt wurden so rund 130.000 Hektar Boden kultiviert.

Mooratlas Infografik: Moorfläche in moorreichen Bundesländern und Zusammensetzung von Emissionen im Jahr 2020
Ein Drittel der deutschen Moore liegt in Niedersachsen. Dort bedecken sie 8 Prozent des ganzen Bundeslands und werden zur Hälfte als Grünland genutzt

Sehr reich an Mooren im Vergleich zu anderen Bundesländern ist auch Mecklenburg-Vorpommern. Dort bedecken sie rund 12 Prozent der Landesfläche. Etwas mehr als die Hälfte dieser 330.000 Hektar wird für die Landwirtschaft genutzt. Bis heute stecken in den Böden des Bundeslands mehr als 7.000 Kilometer Rohrleitungen. Verlegt wurden sie zu DDR-Zeiten, um Moore zu entwässern – mit dem Ziel, die landwirtschaftliche Produktivität zu steigern.  Rund die Hälfte dieser Rohre weist heute enorme Schäden auf; der Sanierungsbedarf wird auf 1,4 Milliarden Euro geschätzt. Durch Moorentwässerung in Mecklenburg-Vorpommern entstehen über eine Milliarde Euro Klimafolgekosten pro Jahr.

In Schleswig-Holstein und Brandenburg bedecken Moore jeweils rund 10 Prozent der Landesfläche. Während in Brandenburg 245.000 Hektar Moor zu finden sind, sind es Schleswig-Holstein etwa 185.000 Hektar. 82 Prozent aller Brandenburger Moore werden landwirtschaftlich genutzt und mehr als 85 Prozent aller Niedermoore in Schleswig-Holstein. Hochmoorflächen in Schleswig-Holstein werden zu 62 Prozent landwirtschaftlich genutzt. Auch wenn deutsche Moore überwiegend im Norden verbreitet sind, finden sie sich zum Beispiel auch am Alpenrand. Bayern weist mit 220.000 Hektar ziemlich viele Moore auf, die aufgrund der Größe des Bundeslands jedoch nur 3 Prozent der Landesfläche ausmachen. 70 Prozent davon werden landwirtschaftlich genutzt. 

Mooratlas Infografik: Emissionen und Fläche von Ackerbau auf entwässerten Moorböden im Jahr 2020, pro Landkreis
Weil ein deutscher Acker auf Moorboden im Mittel 25 Zentimenter tiefer entwässert ist als Grünland, fallen seine Emissionen höher aus

Die bis heute andauernde Moorzerstörung durch Entwässerung für zum Beispiel intensive landwirtschaftliche Nutzung ist erstens ein Angriff auf die Artenvielfalt: Verschwinden Moore, gehen einzigartige Lebensräume verloren. Seltene Pflanzen wie Torfmoose und Zwergbirken oder hochspezialisierte Tiere wie die Große Moosjungfer, der Seggenrohrsänger oder der Hochmoor-Gelbling sind derart an die nährstoffarmen Moore angepasst, dass sie nicht auf andere Standorte ausweichen können. Zweitens ist Moorzerstörung eine Gefahr für das Klima. Denn im Torf wird zusammen mit den verrotteten Pflanzenresten auch jener Kohlenstoff dauerhaft gebunden, den die Pflanzen zuvor bei der Photosynthese als Treibhausgas Kohlenstoffdioxid (CO₂) der Atmosphäre entzogen haben. Dadurch konnte das Weltklima in den letzten 10.000 Jahren um mehr als ein halbes Grad Celsius gekühlt werden. Bei entwässerten Mooren dreht sich dieser Effekt um: Luft dringt in den Torf ein, der gebundene Kohlenstoff oxidiert und gelangt als CO₂ in die Atmosphäre. Dort verhindert es mit anderen Treibhausgasen die Rückstrahlung der von der Sonne stammenden Energie in den Weltraum – und die Erde heizt sich auf. Aktuell sind entwässerte Moore für mehr als 7 Prozent der deutschen Gesamtemissionen verantwortlich. In Mecklenburg-Vorpommern sind entwässerte Moore die größte Einzelquelle für Treibhausgase im gesamten Bundesland. In Niedersachsen verursachen entwässerte Moore mehr als die Hälfte aller landwirtschaftlichen Emissionen – obwohl nur ein geringer Teil der Landwirtschaft auf entwässerten Mooren stattfindet.

Viele der noch existierenden naturnahen Moore stehen in Deutschland mittlerweile unter Schutz. Zum Beispiel lebende Hochmoore: Über 90 Prozent von ihnen gelten als Natura 2000-Schutzgebiete. Um Biodiversität zu schützen und die Klimakrise zu bekämpfen, reicht es jedoch nicht, bloß die wenigen übriggebliebenen intakten Flächen zu schützen – auch müssen zerstörte Moore restauriert werden. Dafür braucht es jedoch politische Initiative.   

Mooratlas Infografik: Im Sinne der Klimaziele des Pariser Abkommens nötige Wiedervernässung trockengelegter Moorfläche, in Hektar je Bundesland und Jahr
Intakte Moore? Kaum noch existent. Die Wiedervernässungsquoten? Ambitioniert. Für die Klimaziele aber unabdingbar

Zu dieser Initiative verpflichtet das Pariser Klimaabkommen: Bis zum Jahr 2050 muss Deutschland klimaneutral sein. Ende 2022 hat die Bundesregierung ihre Nationale Moorschutzstrategie vorgestellt: Um Emissionen zu senken, sollen entwässerte Moorflächen – auf freiwilliger Basis – wiedervernässt werden. Außerdem stellt die Bundesregierung im Rahmen des "Aktionsprogramms natürlicher Klimaschutz" in den nächsten Jahren vier Milliarden Euro zur Verfügung. Insgesamt bleibt die Moorschutzstrategie hinter den Erwartungen vieler Fachleute zurück: Selbst wenn die angekündigten Maßnahmen umgesetzt werden, reduzieren sich die Emissionen aus entwässerten Moorböden dadurch bis 2030 um weniger als jährlich 10 Prozent. Sie lägen dann pro Jahr immer noch bei 47 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente. Mit dieser Maßeinheit wird die Klimawirkung unterschiedlicher Treibhausgase zusammengefasst. 

Der Moorschutzstrategie des Bundes gingen zahlreiche Programme auf Landesebene voraus, zum Beispiel in Bayern. Dort wird der Moorschutz im "Klimaschutzprogramm 2050" (KLIP 2050) ins Auge gefasst. In Zusammenarbeit mit Naturschutzbehörden und örtlichen Trägern sollen in den fünf moorreichen Bezirken des Bundeslands Moore restauriert werden. In Niedersachsen gibt es ein Moorschutzprogramm seit 1981, das vor allem den Naturschutz von lebenden und restaurierten Hochmooren im Blick hatte. In den letzten Jahren wurde außerdem das Landesprogramm "Niedersächsische Moorlandschaften" geschaffen, das auf die Verbesserung der ökologischen Funktionen von Mooren abzielt und torfschonende Bewirtschaftungsformen fördern will. Mecklenburg-Vorpommern hat seit der Jahrtausendwende ein ständig aktualisiertes Moorschutzkonzept. Bemüht wurde sich seitdem um EU-Mittel zur Revitalisierung von Mooren. 

Mooratlas Infografik: Verbreitung von Moorböden in Deutschland und Auswahl berühmter deutscher Moore mit Naturschutzwert
Einst bedeckten deutsche Moore eine Fläche groß wie Sachsen. 95 Prozent davon sind mittlerweile entwässert, abgetorft, bebaut oder landwirtschaftlich genutzt

Welchen Kraftakt der Moorschutz in der Zukunft noch darstellen wird, zeigt der Blick auf die Zahlen. Um seine Klimaziele zu erreichen, muss Deutschland mindestens 50.000 Hektar trockengelegter Moore wiedervernässen – pro Jahr. Für Schleswig-Holstein bedeutet das: Die Wasserstände müssen angehoben werden auf jährlich 5.000 Hektar Moorfläche. Insgesamt über die letzten Jahre wurden bislang allerdings nur 8.000 Hektar wiedervernässt. In Niedersachsen müssten es 16.000 Hektar jährlich sein (bislang wiedervernässt insgesamt lediglich: 38.000 Hektar), in Mecklenburg-Vorpommern jährliche 9.000 Hektar (bislang: 31.000 Hektar), in Brandenburg jährliche 6.500 Hektar (bislang: 20.000 Hektar wiedervernässt). Und in Bayern sind es 6.000 Hektar Moore, deren nasser Zustand pro Jahr wiederhergestellt werden muss. Alle Bundesländer planen weitere Wiedervernässungen, deren Umsetzung bislang jedoch nur schleppend an Fahrt gewinnt.

Damit die nötigen Wiedervernässungsmaßnahmen Tempo aufnehmen können, braucht es vereinfachte Planungs- und Genehmigungsverfahren. Und eine stärkere Förderung von landwirtschaftlichen Betrieben, ihre Nutzung umzustellen – denn auf nassen Moorböden ist die bisherige Landwirtschaft nicht mehr möglich. Alternative Konzepte liegen jedoch vor. Zum Beispiel Paludikultur: Diese nachhaltige Nutzung nasser Böden vereint Moorschutz mit wirtschaftlichen Aspekten. Angebaut werden können etwa Schilf, Rohrkolben und auch Torfmoose. Die angebauten Produkte können zum Beispiel als Bau- und Dämmmaterialien oder Gartenbausubstrate verkauft werden. Und auch Tierhaltung kann auf nassen Moorböden möglich sein, etwa von Wasserbüffeln und Rotwild. Diese Form der zukunftsträchtigen Bewirtschaftung wurde in der Vergangenheit durch die EU-Agrarpolitik jedoch wenig gefördert. Subventionen flossen hauptsächlich für entwässerungsbasierte Bewirtschaftung, während Betriebe, die auf nasse Nutzung umgestellt haben, ihre Fördermittel verlieren konnten. Beispiel Mecklenburg-Vorpommern: Für entwässerungsbasierte Landwirtschaft kommen im Fall von Grünland auf jeden Euro Subvention 16 Euro Klimaschaden. Bei Ackerland sind es sogar 54 Euro.

Dabei bieten die moorreichen Bundesländer großes Flächenpotenzial für  nachhaltige Nutzungsformen. In Mecklenburg-Vorpommern etwa könnten sofort und ohne Prüfauflage 85.000 Hektar in Paludikultur-Fläche umgewandelt werden. Damit sich für landwirtschaftliche Betriebe Perspektiven ergeben, muss die Vergabe von Subventionen überarbeitet und neue Wertschöpfungsketten gefördert werden.

Pionierprojekte wie das Heizwerk in Malchin zeigen, wie es funktionieren könnte: Dort in Mecklenburg-Vorpommern wird Heu von lokalen Nasswiesen verfeuert. Mit der erzeugten Wärme können hunderte Haushalte versorgt werden. Paludikultur leistet außerdem einen Beitrag für den Artenschutz: Die wiedervernässten Flächen dienen als Habitat für viele bedrohten Moorarten, die auf entwässerten Agrarböden kein Zuhause mehr finden.