Wie findet man einen Theaterintendanten? Von Österreich lernen!

Viel Kritik musste die Berliner Kulturpolitik für Suche und Ernennung von Chris Dercon als Intendant der Volksbühne einstecken. Offen bleibt allerdings die Frage: Was für einen Kulturpolitiker wünschen sich denn die Kritiker? Kommentator Christian Römer hat da eine Idee...

Eine scharfe Attacke einiger Theaterintendanten und Kulturjournalisten auf den Kulturstaatssekretär Tim Renner nahm letzte Woche in Berlin ihren kurzen Lauf. Der Grund: Renner hatte entschieden Chris Dercon, den Direktor der Londoner Tate Gallery, zum Nachfolger von Frank Castorf an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zu machen. Ab Sommer 2017, wohlgemerkt.

Mit einem offenen Protestbrief gegen diese Entscheidung wollten drei Intendanten gemeinsam eine „breite öffentliche Debatte“ entfachen; der Untergang des Ensembletheaters wurde beschworen, dringend transparente Diskurse zur Ausrichtung der Volksbühne verlangt und Claus Peymann erkannte auf kulturpolitische Nichtprofessionalität!  Von vielen Seiten gab es schlechte Haltungsnoten für den Chef der Kulturbehörde. Warum eigentlich?

Vielleicht weil Tim Renner den Mut hatte sich eine eigene Meinung zu bilden und zu leisten. Als zuständiger Kulturpolitiker entschied er eine wichtige Personalie allein. Renner achtete dabei auf Privacy in digitalen Zeiten von Twitter bis Facebook. Vor allem auf die Privacy des Kandidaten und seines Teams, deren Namen erst spät bekannt wurden. Und er glaubte an die Chance für die Freie Szene, deren Anliegen zu unterstützen er zu Beginn seiner Amtszeit angekündigt hatte.

Denn de facto stehen Chris Dercon und seine Mitstreiter/innen Boris Charmatz, Alexander Kluge, Romuald Karmakar, Susanne Kennedy und Mette Ingvartsen für Arbeitskonzepte und Ensemblestrukturen freier Szenen der Performing Arts im weiter gefassten und offeneren angelsächsischen Sinne. So schafft der Kulturstaatsekretär dieser Szene in Berlin endlich ein Haus und einen Etat, mit denen sie sich zum ersten Mal mit der Schaubühne und dem Deutschen Theater auf Augenhöhe vergleichen kann. Den Hangar in Tempelhof gibt es noch dazu. Und den besten Kurator, der möglich ist.

Tim Renner hat es sich nicht einfach gemacht. Er hat keine Findungskommission einberufen, hinter deren Entscheidung er sich hätte verstecken können. Er ist selber losgegangen und hat sich beraten und erkundigt. Und den Künstler/innen der nationalen und der internationalen freien Szene zu einem A-Haus verholfen. Das schmeckt nicht jedem. Und ist trotzdem gerecht. Auch und grade nach den vielen Lippenbekenntnissen und mancher leeren Versprechung der Vergangenheit. Ob der Terror der Transparenz einer „breiten öffentlichen Debatte“ nebst prominent besetzter Findungskommission zum mittlerweile von vielen freundlich begrüßten Chris Dercon geführt hätte?

Am Ende blieb eine Frage unbeantwortet: Welche Art von Kulturpolitiker wünschen sich die Kritiker eigentlich?

Vielleicht jemanden wie Josef Ostermayer. Der Kulturminister der österreichischen Bundesregierung war verantwortlich für die Findung der neuen Burgtheaterintendanz im letzten Jahr. Dazu setzte er eine Findungskommission aus Theatermenschen und Kulturmanagern ein, die ihn bei der Suche unterstützen sollte. Es folgte ein Auswahlprozess, der über ein halbes Jahr andauerte. Am Ende gab es zwei Kandidaten, die dem Minister vorgeschlagen wurden. Dazu viel öffentliche Debatte. Einige Bewerber durften ihre Namen schon frühzeitig der Wiener Presse entnehmen. Resultat des großen Wiener Kunstkonklave: Alles blieb, wie es war.

Zur Verkündigung der nicht ganz überraschenden Personalie trat Ostermayer dann zuerst vor die Mitarbeiter/innen des Burgtheaters selbst. Die Präsentation der Kandidatin (und amtierenden Interimsintendantin) auf der Bühne geriet zum Politikertheater mit garantiertem Applaus. Am Ende des kurzen Videobeitrags steht ein Moment ungeteilter Einigkeit zwischen Kunst und Politik. Glückliches Österreich!

 

Information des Ensembles zur Entscheidung durch Bundesminister Josef Ostermayer und Bundestheater Holding Geschäftsführer Günther Rhomberg