Gut beraten? - Neue Strategien für den Übergang von der Schule zur Hochschule

Stephan Ertner arbeitet im Referat Bildung und Wissenschaft der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin.

2. Dezember 2009
Von Stephan Ertner
Von Stephan Ertner

Es ist Bewegung gekommen in die deutsche Hochschullandschaft. Die Umstellung der Fächer auf die gestuften Studiengänge Bachelor und Master ist in vollem Gange. Sie geht einher mit einer Reform der Hochschul- und Studienfinanzierung. Auch die Vergabe von Studienplätzen wird neu geregelt. Die Hochschulen sollen in stärkerem Maße ihre Studierenden selbst auswählen dürfen. Die Folgen dieser ineinander greifenden Strukturveränderungen für das Hochschulsystem sind noch nicht absehbar. Zu kurzsichtig wäre es aber, schaute man lediglich auf die Hochschulen. Die Konsequenzen von Strukturwandlungen zeigen sich immer in erster Linie an den Schnittstellen. Und so stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Schule und Hochschule neu. Der Übergang zwischen diesen Systemen mag immer schon prekär gewesen sein. Doch der Strukturwandel der Hochschulen verschärft die Lage. Wo Schulabgängern bislang noch das individuelle Erfahrungswissen von Lehrern und Eltern Orientierung geben konnte, droht nun Orientierungslosigkeit. Das zeigt sich schon heute in den Studienberatungen der Hochschulen. Sie sehen sich mit Studieninteressierten konfrontiert, die mit falschen Informationen, Vorstellungen und Erwartungen an die Hochschulen kommen.

Ein stärker an den Individuen und ihren unterschiedlichen Bedürfnissen orientiertes, differenziertes Bildungssystem ist sicher notwendig. Doch dazu gehört auch eine umfassende persönliche Bildungsberatung. In einem differenzierten System lässt sich ohne Beratung keine Durchlässigkeit erreichen. Die bereits heute bestehenden Probleme sozialer Selektivität würden im Gegenteil weiter vertieft.

Auf der anderen Seite bieten die Veränderungen an den Hochschulen auch Chancen. Es gibt – anders als häufig behauptet – beachtliche Effizienzreserven im Hochschulsystem. Bessere Beratung könnte einer der Schlüssel sein, um an diese Reserven zu gelangen. Grund genug für die Heinrich-Böll-Stiftung, ihre 19. Berliner Hochschuldebatte im März 2005 der Suche nach neuen Strategien für den Übergang von Schule zur Hochschule zu widmen. Dazu hatte sie neben Hochschulforschern auch verschiedene Akteure eingeladen: Studienberater der Hochschulen, die Bundesagentur für Arbeit, das deutsche Studienwerk und private Bildungsberater. Und natürlich Eltern, SchülerInnen und Studierende, die über ihre Erfahrungen sprachen und von guten Beispielen berichteten.

Die Veranstaltung machte deutlich, dass eine Schwierigkeit an der Schnittstelle zwischen Schule und Hochschule darin besteht, dass die Zuständigkeiten für den erfolgreichen Übergang ungeklärt sind. Und diese Verantwortung umfasst mehr, als SchülerInnen mit Informationen über das Studieren zu versorgen. Im Gegenteil: Es gibt keinen Mangel an Informationen. Was fehlt, sind adressatengerechte Angebote, die den Übergang erleichtern. So Bettina Jorzik vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft. Viele Schüler könnten zurzeit gar nicht erreicht werden, da es an differenzierten Projekten mangele, die verschiedene Zielgruppen ansprächen. Insbesondere niedrigschwellige Angebote für gering interessierte SchülerInnen und Eltern seien dringend gefragt.

So kann zum Beispiel der Einsatz ehemaliger SchülerInnen sinnvoll sein. Hier sieht der Verein Alumni at School sein Betätigungsfeld. Rainer Höll, Vorsitzender des Vereins, stellt vor, wie Alumni SchülerInnen ein Studium persönlich und anschaulich nahe bringen können. Das sei der entscheidende erste Schritt, da Abiturienten das Studium meist als abstrakt empfänden und zu ihrer Lebenswirklichkeit nur schwer in Beziehung setzen könnten. Neben solchen Alumni-Netzwerken denkt Iris Baumgart an eine verbesserte Zusammenarbeit von Schulen und Hochschulen – zum Beispiel durch ein „Schnupperstudium“ während der Schulzeit.

Die auf Schulen spezialisierte Beraterin der Bundesagentur für Arbeit wies darauf hin, welchen großen Einfluss die Eltern bei der Berufs- und Studienwahl ihrer Kinder haben. Gerade bei ihnen sieht sie großen Orientierungs- und Beratungsbedarf. Vor allem Eltern im Ostteil der Republik verfügten oft nicht über die Erfahrung mit einem Hochschulstudium und seien mit den bürokratischen Hürden des Systems, zum Beispiel der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, nicht vertraut. Viele Jugendliche entscheiden sich heute gegen ein Studium, da ihnen ihre Eltern vermitteln, dass der direkte Berufseinstieg mehr Jobsicherheit biete und zudem Einkünfte statt Kosten bedeute. Auch die aktuelle Diskussion um Studiengebühren wirke sich negativ auf die Entscheidung für das Studium aus. Eltern sehen mit Studiengebühren nicht kalkulierbare Lasten auf sich kommen. Bestands- und Planungssicherheit könnte hier helfen, das Studium attraktiver zu machen.

In der Verknüpfung von Bildungs- und Studienfinanzierungsberatung sieht deshalb Andrea Hoops, stellvertretende Generalsekretärin des Deutschen Studentenwerks, eines der künftigen Aufgabenfelder der Studentenwerke. Dringend erforderlich sei die Bereitstellung von Finanzierungsangeboten – im Rahmen der vom BAföG gebotenen Möglichkeiten, aber auch darüber hinaus. Im Studentenwerk werde momentan beraten, wie die Angebote für Studierwillige und Studierende aus sozial schwachen Schichten ausgeweitet werden könnten, um diesen einen breiteren Zugang zur Hochschule zu ermöglichen

Die Entscheidung für ein teures Studium schließt natürlich auch Überlegungen zu den Renditeaussichten eines Studiums ein. Doch Beratung stößt schnell an ihre Grenzen, wenn es um die Voraussage zukünftiger Berufsaussichten geht. Sichere Prognosen bei der Berufs- und Studienwahl werde auch in Zukunft nicht zu haben sein. Umso wichtiger, so die Beraterin, sei die Orientierung der Entscheidung für ein Studium und ein bestimmtes Fach an den persönlichen Interessen, die eine langfristige Motivation in der gewählten Studienrichtung gewährleisten. Doch auch die liegen häufig im Unklaren. Hier setzen private Anbieter für Bildungsberatung an und hoffen auf das Entstehen eines Marktes für die Klärung der persönlichen Motivation und die Motivationspflege durch ein das gesamte Studium begleitendes Couching. Im Ausland seien schon längst Märkte für solche Dienstleistungen entstanden.

Neben den persönlichen Interessen und beruflichen Wünschen ist es noch wichtig, bereits in der Schule Verständnis für den wissenschaftlichen Prozess zu schaffen. Dies helfe, den Bruch zwischen der Vermittlung kanonischen Wissens in der Schule und den offenen Prozessen wissenschaftlichen Wissenserwerbs in der Hochschule zu verkleinern. Peer Pasternack vom Hochschulforschungsinstitut Halle fordert daher, dass Schulen eine positive Vorstellung von wissenschaftlichem Arbeiten vermitteln müssen. Das erfordere eine Veränderung in der Aus- und Fortbildung der Lehrerkräfte.

Auch auf die Hochschulen kommen neue Aufgaben zu. Sie müssen es sich zur Kernaufgabe machen, Interessierten noch vor dem Studium nahe zu bringen, was sie im Studium erwartet. Ein besonderes Potential macht Pasternack in aktiv gestalteten Kooperationen zwischen Schulen und Hochschulen aus. So könnten Lehrer und Hochschullehrer gegenseitig Erwartungen klären und Aktivitäten besser abstimmen. Vorbereitungs- und Eingangsphase dürften dabei nicht voneinander losgelöst betrachtet werden. Vielmehr sei eine effektive Verzahnung der beiden Phasen der bessere Weg, Schüler für das Studium zu motivieren, sie vorzubereiten und die bekannten Probleme der Studienanfänger zu verringern, die heute viel zu häufig zu Studienwechsel und -abbruch führen.

Als gelungenes Beispiel für eine solche Zusammenarbeit stellte Jürg Kramer vom Institut für Mathematik der Berliner Humboldt-Universität das Netzwerk mathematisch-naturwissenschaftlich profilierter Schulen vor. SchülerInnen der elften bis dreizehnten Klasse nehmen an außerschulischen Projekten teil, die LehrerInnen und HochschullehrerInnen geleitet werden. Bei entsprechendem Erfolg kann die Teilnahme als Studienleistung anerkannt werden. Das Projekt ist doppelt ertragreich: die SchülerInnen sammeln mit dem forschungsnahen Unterricht Erfahrungen mit Wissenschaft, zugleich gewinnen die Durchführenden enorme Erkenntnisse für die Lehrerfortbildung und Lehrerausbildung. Zudem seinen Lehrer, die zur Mitarbeit an der Universität abgeordnet würden, später wichtige Multiplikatoren in der Schule. Dem Absenken der Schwelle zwischen Schule und Hochschule dient auch das Heidelberger Life-Science Lab. Hier erhalten besonders interessierte und begabte SchülerInnen direkten Kontakt zu wissenschaftlichem Arbeiten und zum Forschungsbetrieb. Die Förderung bestehe aus einem außerschulischen Programm in Form von wöchentlichen zentralen Vorträgen, sich selbst organisierenden Arbeitsgruppen unter der Leitung jeweils dreier Mentoren (Wissenschaftler, Lehrer, erfahrener Schüler). Flankiert wird das Programm durch niedrigschwellige Angebote für Schulen und Kindergärten, um mehr Schüler für ein Studium zu motivieren.

In Zukunft werden Hochschulen der Studienberatung größere Bedeutung beimessen müssen. Wenn ihnen mehr Autonomie bei der Auswahl der Studierenden zugestanden wird, so wird auf der anderen Seite auch eine Stärkung der Position der Studierenden vorzusehen sein. Ob nun mit Studien-Gutscheinen als öffentlich subventionierten Studiengebühren oder in Gestalt leistungsbezogener Mittelzuweisung: der Nachfrage der Studierenden wird künftig mehr Gewicht zukommen. Durch rückläufige Studentenzahlen werden Hochschulen künftig stärker um Studienanfänger konkurrieren, um ihre Ressourcen zu sichern. Fundierte Beratung kann bereits Abiturienten an die Hochschule binden. Darüber hinaus verbessert eine hochwertige studienbegleitende Beratung und die Unterstützung bei der Jobsuche nach dem Studium die Reputation der Universitäten und Fachhochschulen.

Sabina Bieber von der zentralen Studienberatung der Universität Potsdam und Vorsitzende des Verbands der Studienberater wies in diesem Zusammenhang auf den Stellenwert der universitären Studienberater hin. Sie sind direkt am Hochschulgeschehen beteiligt und werden ständig qualifiziert. Die Arbeit der Berater müsse allerdings durch Tutorenprogramme ergänzt werden. Tutoren könnten helfen, in der Orientierungsphase oder bei einem geplanten Studienwechsel möglichst früh zu einer nachhaltigen Entscheidung zu kommen.