Tschernobyl: Die Folgen des GAUs für die Region

Am 26. April 1986 explodierte der Atomreaktor in Tschernobyl. Teile der Ukraine, Weißrusslands, Russlands und Europa wurden von der radioaktiven Wolke überzogen. Seit dem hat das Grauen ein Gesicht. Fakten zur Lage. ➢ Jetzt unser Dossier "Tschernobyl: 30 Jahre nach der Katastrophe" lesen!

Niemand wird je erfahren, wie vielen Menschen der GAU in Tschernobyl das Leben gekostet hat. An der Verschleierung der Fakten haben viele mitgewirkt – neben der sowjetischen Regierung trägt hier die UNO die Hauptverantwortung. Seit 1959 regelt ein Vertrag das Geschäftsverhältnis zwischen Weltgesundheitsorganisation WHO und der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO. Darin ist festgeschrieben: „Die WHO erkennt an, dass die IAEO die primäre Verantwortung hat, die Nutzung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken zu fördern, zu unterstützen und die Forschung zu koordinieren.“ Bei möglichen Interessenkollisionen wurden Konsultationen und gegenseitiges Einverständnis über das Vorgehen vereinbart. Es könne auch „gewisse Einschränkungen zur Wahrung vertraulicher Informationen geben“, heißt es in dem Vertrag.

Wie sich das konkret auswirkt, konnten aufmerksame Zeitgenossen nach der letzten großen Tschernobyl-Konferenz im Jahr 2005 beobachten. In der abschließenden Pressemitteilung, die von WHO und IAEA gemeinsam herausgegeben wurde, hieß es: Bisher seien weniger als 50 Menschen durch den Atomunfall in Tschernobyl gestorben, höchstens 4.000 Tote seien noch zu erwarten. Dabei widersprach die Meldung sogar dem, was die WHO wenige Tage zuvor in einem 180-Seiten-Papier selbst vorgelegt hatte. Dort ist von mindestens 9.000 zu erwartende Todesopfern die Rede.

Doch auch diese Zahl ist mit Sicherheit viel zu niedrig angesetzt. Denn die Literaturstudie der WHO hat insbesondere einen Großteil der auf Russisch publizierten Forschungsarbeiten einfach ignoriert. Auch Herzinfarkte und andere schwere Krankheiten fallen von vornherein aus der WHO-Todesfallstatistik heraus. Und dass es möglicherweise auch Opfer außerhalb der drei am stärksten verseuchten Länder Weißrussland, Ukraine und Russland gegeben hat, zieht die WHO gar nicht erst in Erwägung.

Hunderttausende Opfer aus den Statistiken gestrichen

Obwohl niemand bestreitet, dass 600.000 bis 800.000 überwiegend junge Männer in der Nähe des Reaktors als Liquidatoren gearbeitet und den Betonsarkophag errichtet haben, kehrten die meisten von ihnen nach Hause zurück, ohne dass sie registriert wurden. So gingen lediglich 200.000 überhaupt in die WHO-Berechnungen ein. Auch bei ihnen sind die Daten über die Strahlenbelastungen absolut unvollständig: Viele Dosimeter waren sofort kaputt und die Daten wurden nach Aussage vieler Zeugen von den Vorgesetzten manipuliert. Für 37 Prozent der registrierten russischen und sogar 91 Prozent der weißrussischen Liquidatoren gibt es überhaupt keine Angaben über die Strahlenbelastungen, denen sie ausgesetzt waren. Dennoch hat die WHO einen Mittelwert gebildet, auf dessen Grundlage sie die zu erwartenden Todesopfer abschätzt.

Hinzu kommt, dass der Kreml 1987 per Erlass verboten hatte, dass “die akuten und chronischen Erkrankungen von Personen, die an der Liquidation der Folgen der Havarie im Atomkraftwerk Tschernobyl teilgenommen haben und die eine Dosis von weniger als 50 rem haben […] in einen Zusammenhang mit der Wirkung ionisierender Teilchen gebracht werden.“ Schon zuvor waren alle Informationen über die radioaktive Belastung der Aufräumarbeiter zur Verschlusssache erklärt worden. Ein solcher Umgang mit dem Thema wird von der UNO bis heute gestützt. Die offiziell 50 Tschernobyl-Toten sind überwiegend Liquidatoren, die in den ersten Stunden nach dem Unfall extrem verstrahlt wurden und meist kurz danach starben.

Wahrscheinlich aber ist, dass sehr viele der Katastrophenhelfer ihren Einsatz mit dem Leben bezahlten. Ein Hinweis von vielen ist eine Untersuchung des Minsker Professors für Kardiologie, Dimitri Lazyuk. Er stellte fest, dass die Zahl tödlich endender Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Liquidatoren zwischen 1992 und 1997 neunmal so schnell anstieg wie in der übrigen Bevölkerung. Auch Blasen-, Magen-, Nieren-, Darm- und Lungenkrebs sind unter den Liquidatoren wesentlich stärker verbreitet, ebenso geistige und psychologische Folgen wie Depressionen und Schizophrenie. Zehntausende sollen sich das Leben genommen haben; belegen lässt sich das allerdings nicht.

Die IAEO lobte sich Ende 2007 selbst für ihren Umgang mit den Folgen des Reaktorunfalls: Zahlreiche Programme hätten dazu beigetragen, die Gesundheitsfolgen zu lindern. Nun sei die Notfallphase vorbei und es gelte, nach vorne zu blicken und eine „nachhaltige Entwicklung“ für die Bewohner der betroffenen Gebiete zu fördern.

Gesundheitliche Folgen – vieles liegt im Dunkeln

Früher lag die Krebsrate in der Gomel-Region ganz am unteren Ende der weißrussischen Statistik. Inzwischen hat sie längst mit Abstand die Spitze eingenommen – und die Betroffenenzahlen steigen.

Unumstritten ist die extreme Zunahme von Schilddrüsenkrebs bei Menschen, die zur Zeit des Unfalls noch nicht ausgewachsen waren. Durch die Explosion des Atomreaktors waren große Mengen radioaktiven Jods freigesetzt worden. Weil die Gomel-Region sehr jodarm ist, nahmen die jungen Körper den gefährlichen Stoff sofort auf. Mindestens 5.000 junge Erwachsene sind erkrankt.

Vor dem AKW-Unfall in Tschernobyl war Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen in dieser Region so gut wie unbekannt. Weißrussische und ukrainische Wissenschaftler stellten bereits Anfang der 90er Jahre eine Verdreißigfachung der Fälle fest. Die Internationale Atomenergiebehörde bestritt wenig später öffentlich, dass die Krankheiten direkt auf die Strahlenbelastung zurückzuführen seien, obwohl interne Untersuchungen genau das belegten. Erst ein Fernsehbeitrag der BBC brachte diese Daten ans Licht. Dass sich aber auch die Zahl der an Schilddrüsenkrebs leidenden Erwachsenen verfünffacht hat, hat die IAEO nie bestätigt.

Inzwischen registrieren die Kliniken deutliche Zunahmen von Brustkrebs bei jungen Frauen. Auch Fälle von Magen-, Darm-, Lungen- und Hautkrebs häufen sich. Allerdings ist es für die Ärzte unmöglich, die Entstehung eines Tumors bei einem Einzelpatienten unmittelbar auf die radioaktiven Verseuchung zurückzuführen.

Belegen lässt sich hingegen ein erhöhtes Risiko für bestimmte Bevölkerungsgruppen. Vor allem Kinder von Liquidatoren, die unmittelbar nach dem Einsatz ihrer Väter gezeugt wurden, haben oft chronische Erkrankungen des oberen Verdauungstrakts. Auch leiden sie oft an Stoffwechsel-, Atmungs- und Kreislaufproblemen.

Allerdings sind viele Forschungsreihen unvollständig oder wurden aus Finanzmangel abgebrochen. Ein weißrussisches Institut, das die genetischen Folgen des Reaktorunfalls untersucht hat, musste schließen. Viele Babys mit genetischen Schäden kamen gar nicht erst zur Welt, weil in den belasteten Gebieten Reihenuntersuchungen von Schwangeren eingeführt wurden und behinderte Föten abgetrieben wurden. Daten dazu fehlen ebenfalls.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich die gesundheitlichen Folgen von Tschernobyl auch deshalb noch nicht abschätzen lassen, weil sich genetische Veränderungen oft erst langfristig zeigen. Erschreckend sind in diesem Zusammenhang die Forschungsergebnisse des Instituts für Genetik und Zytologie in Minsk. Das hat die Auswirkungen permanenter Niedrigstrahlung auf Mäuse beobachtet. Während die Erbschäden in den ersten Generationen noch relativ gering ausfielen, stellten die Forscher bei späteren Generationen eine deutliche Zunahme von Missbildungen fest.

Evakuierungen ohne Plan

Allein in Weißrussland mussten schätzungsweise 135.000 Menschen ihre Heimat auf Dauer verlassen, die Weltgesundheitsorganisation WHO geht von insgesamt 350.000 Evakuierten und Umgesiedelten aus.

Die ersten Evakuierungen fanden bereits innerhalb von 36 Stunden nach dem Unfall statt. In den folgenden Monaten mussten dann auch Bewohner zahlreicher Dörfer in der nahen Umgebung des Reaktors ihre Häuser verlassen. Doch erst mehrere Jahre nach dem Unfall gab es Karten, die die wirkliche Verseuchung der einzelnen Landstriche dokumentierten. So wurden manche besonders schwer belastete Orte erst 1992 evakuiert und dann meist sofort dem Erdboden gleichgemacht.

Viele Bauern und Dörfler mussten in anonyme Hochhaussiedlungen am Rande der Großstädte ziehen. Entwurzelt und häufig krank fiel es ihnen schwer, ein neues Leben anzufangen. Die städtische Bevölkerung reagierte außerdem vor allem wegen der zunehmenden Wohnungsknappheit oft abwehrend gegenüber den Zuzüglern. Einige Menschen sind zunächst illegal in ihre alte Heimat zurückgekehrt und leben seither in Häusern zwischen Ruinen.

Vor einigen Jahren hat der weißrussische Präsident Lukaschenko dann große Teile der verstrahlten Gebiete für „sauber“ erklärt. Der Grund dafür war vor allem ein finanzieller: Die Bewohner der verseuchten Gebiete bekamen in den ersten Jahren nach der Havarie staatliche Zuschüsse, um sich unbelastete Nahrung kaufen zu können. „Sarggeld“ nannte der Volksmund die Zahlungen in den besonders stark belasteten Regionen, in den etwas weniger verseuchten Gebieten gab es „Kranzgeld“.

Durch den Bau günstiger Häuser möchte Lukaschenko inzwischen vor allem junge Fachleute und Zuwanderer aus anderen ehemaligen Sowjetrepubliken in die überalterte Region locken. Auch ein Großteil der Evakuierten soll nach seinen Vorstellungen in die alte Heimat zurückkehren.

Landwirtschaft auf verseuchten Böden

Weißrussland ist das mit Abstand am stärksten durch Tschernobyl belastete Land. Zwar liegt der havarierte Reaktor in der Ukraine. Doch die radioaktive Wolke zog vorwiegend in Richtung Norden, so dass 70 Prozent des radioaktiven Fallouts in Weißrussland niedergingen.

Dabei sagt die Nähe zum AKW wenig aus über den Grad der Verseuchung: Einige Dörfer in 200 Kilometer Entfernung sind stärker betroffen als andere, die nur 20 Kilometer vom Reaktor entfernt liegen. Insgesamt sind mehr als ein Fünftel der landwirtschaftlichen Flächen und Wälder Weißrusslands belastet - vorwiegend mit Cäsium 137, aber zum Teil auch mit Strontium oder sogar Plutonium. Insgesamt leben heute nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO rund fünf Millionen Menschen in Gebieten, die mit mehr als 37 Kilobecquerel pro Quadratmeter belastet sind und 270.000 in Regionen, wo sogar 555 kBq pro Quadratmeter überschritten werden.

Die größte Gefahr für die Bevölkerung, weiterhin Radioaktivität aufzunehmen, besteht heute durch den Verzehr von Nahrungsmitteln. Der Südosten Weißrusslands war stets eine Kornkammer – und daran hat sich auch nach dem GAU in Tschernobyl nichts geändert. Hier erzeugtes Getreide, Fleisch und andere Lebensmittel werden in ganz Weißrussland verkauft. Um die Strahlenbelastung bei Getreide unter den staatlichen Grenzwerten zu halten, setzen die Kolchosen Kalzium und Kalium ein, damit die Pflanzen weniger radioaktive Stoffe aufnehmen. Das verhindert allerdings nicht, dass die Landarbeiter mit dem aufwirbelnden Staub Radioaktivität einatmen. Außerdem lebt ein Großteil der Bevölkerung von Selbstangebautem. Auch die hochbelasteten Pilze und Beeren aus den Wäldern kommen bei der extrem armen Landbevölkerung nach wie vor häufig auf den Tisch. Zwar wurden vor einigen Jahren Messstationen eingerichtet, bei denen die Bevölkerung Lebensmittel untersuchen lassen kann. Doch die werden kaum genutzt. Vor allem bei für den Handel bestimmten Produkten gibt es außerdem große Manipulationsmöglichkeiten. 

Teurer Sarg

Seit vielen Jahren ist von der dringenden Notwendigkeit die Rede, eine stabile Hülle über der Ruine des explodierten Tschernobyl-Reaktors zu errichten. Den ersten Sarkophag hatten junge Männer innerhalb weniger Monate aus Betonplatten errichtet. Die Konstruktion war von Anfang an nicht stabil, manche Platten sind weder verschraubt noch verschweißt. Strahlung und Witterung haben das Material außerdem zunehmend porös gemacht.

Seit Mitte der 90er Jahre verhandelte die Ukraine über Möglichkeiten, die Ruine mit internationaler Hilfe besser zu sichern. Der G7-Gipfel 1997 beschloss zwar die Finanzierung einer Schutzhülle. Doch anschließend gab es jahrelang Streit, wer das Projekt bauen und wie die Finanzierung organisiert werden sollte. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), der die Rolle der Geldeinsammlerin und -verwalterin zugedacht war, wurde von der Ukraine strikt abgelehnt. Nicht ohne Grund: Ein wenige Jahre zuvor errichtetes Zwischenlager für Brennelemente aus Tschernobyl, bei dem die EBRD die Aufsicht geführt hatte und das von den französischen Baukonzernen Vinci und Bouygues errichtet worden war, endete als Bauruine.

Trotz der massiven Bedenken aus der Ukraine bekam das Konsortium „Novarka“, an dem neben Vinci und Bouygues auch Nukem und Hochtief beteiligt sind, 2007 den Zuschlag für den Riesenbau. Der Finanzierungsfonds ist bei der EBRD angesiedelt.

Der Plan sieht vor, einen fast 110 Meter hohen und 260 Meter breiten Bogenbau zu errichten, der wegen der Strahlenbelastung zunächst in einiger Entfernung zum Reaktor zusammengesetzt und schließlich über die Ruine gezogen werden soll. Danach ist geplant, den radioaktiven Müll im Innern fachgerecht zu entsorgen – wohin ist allerdings völlig unklar, da es weder in der Ukraine noch sonst irgendwo ein Endlager gibt. Auch die Vorgabe, das Bauwerk solle die Reaktorreste für mindestens 100 Jahre sichern, erscheint lächerlich angesichts der Tatsache, dass Plutonium erst nach 24.110 Jahren die Hälfte seiner Strahlung verliert.

Wie bei Großbaustellen üblich explodierten die Kosten. Zunächst war von 800 Millionen Euro die Rede gewesen, inzwischen heißt es, 1,6 oder gar zwei Milliarden Euro würden für das größte bewegliche Bauwerk der Menschheitsgeschichte benötigt. Fertigstellung soll nach gegenwärtigem Stand 2013 sein – auch hier sind weitere Verzögerungen wahrscheinlich.

Ob der milliardenteure Aufwand Sinn macht, ist zudem umstritten. Einige russische Atomphysiker, aber auch die deutsche Gesellschaft für Strahlenschutz gehen davon aus, dass beim GAU 1986 fast das gesamte radioaktive Material aus dem Meiler herausgeschleudert wurde und sich heute nur noch geringe Mengen darin befinden. Dagegen heißt es von offizieller Seite, dass im havarierten Reaktorblock 4 in Tschernobyl noch 180 Tonnen gefährlicher Kernbrennstoffreste lagern.


Annette Jensen (Jahrgang 1962) ist freie Journalistin in Berlin. Ihre Schwerpunkte sind Ökologie und Wirtschaft.