Mexiko: Die LGBTI+-Community geht online

In der Pandemie hat sich die Organisation Yaaj technisch professionalisiert – und dabei wichtige Erkenntnisse über die Auswirkungen von COVID-19 auf die LGBTI+-Community gewonnen.

Illustration "Die sozialen Netzwerke können lebensrettend für uns sein"

Die COVID-19-Pandemie hat weltweit komplexe Phänomene zu Tage treten lassen: Unsichere ökonomische und soziale Verhältnisse sind noch prekärer geworden, insbesondere für vulnerable Gruppen; der Zugang zu einer sich zunehmend digitalisierenden Wirtschaft ist für einen Großteil der Menschen schwieriger geworden und alte wie neue Vorurteile gegen Minderheiten haben sich verstärkt.

Auch wenn die Maßnahmen zur Bewältigung der Pandemie vermeintlich neutral gestaltet waren, so hatten sie dennoch auf einzelne Bevölkerungsgruppen unterschiedliche Auswirkungen, darunter auch die LGBTI+-Community. Denn Stigmatisierung und Diskriminierung standen nicht unter Quarantäne, und dementsprechend haben sich die ungleichen Verhältnisse für uns Menschen aus geschlechtervielfältigen Gruppen noch weiter verschärft.

Wir Aktivistinnen und Aktivisten von Yaaj México kümmerten uns schon im ersten Monat der Pandemie um zwölf Jugendliche, die aus ihren Familien auf die Straße geflüchtet waren. Vor der Pandemie waren es sechs bis acht Fälle pro Jahr, die wir in unserem Wohnungsbeschaffungsprogramm betreut hatten. Die Jugendlichen stehen gleich in zweifacher Hinsicht zunehmend unter Druck: Zum einen in ihren Familien aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und zum anderen aufgrund ihrer HIV-Infektion. Viele entschlossen sich im Verlauf der Pandemie zum Abbruch ihrer antiretroviralen Therapie, denn während des Lockdowns konnten sie keinen Grund mehr vorschieben, um für ihre Behandlung das Haus zu verlassen. Junge Transfrauen mussten ihre Hormonbehandlung abbrechen, weil infolge der Belastung des Gesundheitssystems die Zeitspannen zwischen ihren Behandlungsterminen in den Gesundheitszentren zu lang wurden. Der Lockdown, der auch für Hotels galt, zwang zudem Prostituierte zur Sexarbeit auf der Straße.

Unserer Organisation drohte die Gefahr, Präsenzgruppen nicht mehr betreuen zu können und damit lebenswichtige Räume aufgeben zu müssen, die Selbstmorde von Jugendlichen verhindern und deren persönliche Heilungsprozesse unterstützen. In der Pandemie mussten wir erleben, wie Jugendliche zu Hause durch die Kontrolle ihrer Mobilgeräte «entlarvt» und daraufhin zu Online-Konversionstherapien gezwungen wurden, die versprachen, sie innerhalb von vier Monaten zu heterosexuellen Menschen zu machen. Schlimmstenfalls wurden sie illegal festgehalten und an grauenvolle Orte gebracht, um sie in ihrer sexuellen Orientierung und Identität bzw. ihrer Geschlechtspräsentation umzupolen. Das geschah, obwohl wir seit Jahrzehnten wissen, dass Homosexualität keine Krankheit ist und es deshalb auch nichts zu heilen gibt.

All diese neuen, komplexen und erschreckenden Umstände machten uns deutlich, wie dringend wir eine technische Professionalisierung brauchten. Wir begriffen, dass wir zu erschwinglichen Kosten Software beschaffen mussten, um unsere Arbeit und unsere Hilfsangebote auf digitale Formate umzustellen. Ebenso wurde uns klar, dass wir bereits heute eine Art Kompass für eine schnellere und gezieltere Arbeit hätten, wenn wir verlässliche Daten über die Situation während der H1N1-Pandemie 2009 zur Verfügung gehabt hätten.

So kam es, dass wir in unseren Unterstützungsgruppen zum einen wöchentlich bis zu vier zweistündige Online-Sitzungen anboten, zu denen sich mindestens 50 Personen zuschalteten. Wir mussten lernen, Online-Anmeldungen einzurichten, die Richtigkeit der Daten telefonisch abzugleichen, vor den Videoanrufen Datenschutzvereinbarungen vorzulesen und Menschen virtuell zu umarmen und in ihrer Not zu trösten. Außerdem griffen wir zum Telefon und wandten uns an alle uns bekannten Persönlichkeiten und unsere engsten Bündnispartner/innen: befreundete Organisationen, UN-Agenturen, lokale und internationale Regierungen. Mit über 30 Institutionen, darunter auch die Heinrich-Böll-Stiftung, konnten wir in einer gemeinsamen Anstrengung innerhalb eines knappen Jahres einen Bericht über die spezifischen Auswirkungen von COVID-19 auf die LGBTI+-Community in Mexiko erstellen.[1]

Nachfolgend nun einige der wichtigsten Daten, die wir aus einer Stichprobe von 6.671 Befragten gewonnen haben:

Daten aus der Befragung der LGBT-Community in Mexico

Dank der Ergebnisse dieses Berichts, dem Einsatz digitaler Formate und der Zusammenarbeit mit unseren Partner/innen haben wir unser Engagement für die LGBTI+-Community in Mexiko neu aufgestellt. Für unsere Organisation haben sich drei Bereiche als besonders wichtig herauskristallisiert:

Wir haben gelernt, neue Software einzusetzen, unsere Botschaften sprachlich zu verfeinern und die Durchschlagskraft unserer Kampagnen in Fokusgruppen zu analysieren. Wir konnten uns fortbilden und haben unsere Öffentlichkeitsstrategie um eine intersektionale Perspektive erweitert, um unser Zielpublikum optimal zu erreichen. Diese aus der Pandemie notgedrungen entstandene Professionalisierung wird langfristig nachhaltige Wirkung zeigen.

Kofinanzierungen für Technologien

Die amtierende mexikanische Regierung plant massive Mittelkürzungen, darunter auch für zivilgesellschaftliche Organisationen wie Yaaj, die als Mittlerorganisationen gelten und entweder bereits aufgelöst oder zumindest gefährdet sind. Der mexikanische Staatspräsident sagte dazu: «Die Hilfe fließt direkt an die Begünstigten, Mittler wird es nicht geben».[2] Das neue Sparprogramm der mexikanischen Regierung[3] «zielt darauf ab, soziale Ungleichheit, Korruption, Geldgier und Verschwendung von Gütern und Ressourcen des Landes durch eine effiziente, wirksame, wirtschaftliche, transparente und aufrichtige Mittelverwaltung zu bekämpfen, um so die dafür vorgesehenen Ziele zu erreichen».

Ein aktives Engagement erfordert jedoch Technologien und die entsprechende Finanzierung. Die neuen Technologien bieten Lösungen – angefangen von der Erstellung einer Umfrage bis hin zu ihrer qualitativen und quantitativen Auswertung. Ohne Mittel für ihre Beschaffung kommt jedoch der Austausch, und damit auch die gemeinschaftliche Wissens­produktion, zum Erliegen. Zudem wird die Aufbereitung von Informationen durch den Mangel an geschultem Personal mit Zugang zu den notwendigen Instrumenten verlangsamt.

Anpassung der verfügbaren Technologien

Schließlich müssen auch neue Einsatzmöglichkeiten für die verfügbaren Technologien gefunden werden. Dazu gehört z.B., audiovisuelle Inhalte für soziale Netzwerke zu erstellen und zu verbreiten. Es geht darum, Emotionen anzusprechen, um eine große Wirkung zu entfalten.

Unser Bericht über die Folgen von COVID-19 für die LGBTI+-Community umfasst auch eine Reihe von Dokumentarfilmen, in denen Aktivistinnen und Aktivisten aus verschiedenen Regionen Mexikos von ihren persönlichen Erfahrungen und der Menschenrechtssituation von LGBTI+-Menschen während der Pandemie berichten. Zwar werden solche Videos seit Jahrzehnten in der Lobby- und Advocacy-Arbeit eingesetzt, doch haben sie durch neue Plattformen, wie Zoom oder Stream Yard, und deren große Reichweite einen neuen Stellenwert erhalten.

In der Aktivistenszene gibt es einige, die die Gewinnmaximierung der Technologie­konzerne nicht unterstützen wollen, und deren Technologien demzufolge ablehnen, andere wiederum sehen die pragmatische Notwendigkeit, die verfügbaren Werkzeuge zu nutzen, um damit so rasch wie möglich auf die Bedürfnisse ihrer Basis einzugehen. So wurden gängige Technologien wie Chatforen, kostenlose Videoanrufe sowie Online-Formulare zur gezielten Fallbearbeitung von Diskriminierung und Gewalt aufgrund der pandemiebedingten Notlagen schnell angepasst. Wir geben zu, dass damit den Zielsetzungen der Technologie-Giganten möglichst viele Daten zu sammeln Vorschub geleistet wurde. Und doch wird der Einsatz neuester Technologien und deren ständige Anpassung zu den tragenden Säulen im Diversifizierungsprozess und in den Überlebensstrategien der LGBTI+-Bewegungen in Mexiko gehören. So können wir neue Formen der Unterstützung für unsere Communities entwickeln, politischen Einfluss nehmen und Fortschritte bei der Anerkennung unserer Rechte erzielen.

Eine Gesellschaft, in der Vielfalt begrüßt wird, ist zentrales Ziel der gesellschaftlichen Wiederbelebung und Umgestaltung nach der Pandemie; dabei ist der Zugang zu Technologien und zum Internet von grundlegender Bedeutung, um in diesem Wiederaufbauprozess niemanden zurückzulassen.

 

[1] Fuentes Carreño, Miguel, COPRED- Yaaj: «Informe: Impacto Diferenciado ante la COVID-19 en la comunidad LGBTI+ en México (Bericht: Differenzierte Auswirkungen von COVID-19 auf die LGBTI+ Gemeinschaft in Mexiko)», Mexiko, 2021. Verfügbar unter: https://impactocovidlgbt.mx/ (vollständiger Bericht) (Zugriff am 20.10.2021).

[2] Animal Político: «No habrá recursos para organizaciones o fundaciones porque ya no habrá intermediarios: AMLO (Es wird keine Mittel für Organisationen oder Stiftungen geben, weil es keine Vermittler mehr geben wird: AMLO)», Mexiko 2019. Verfügbar unter: https://www.animalpolitico.com/2019/02/recursos-organizaciones-fundacio… (Zugriff am 20.10.2021).

[3] Diario Oficial de la Federación (Mexikanischer Staatsanzeiger):« LINEAMIENTOS en materia de Austeridad Republicana de la Administración Pública Federal (LEITLINIEN für die Sparmaßnahmen der mexikanischen Staatsverwaltung)», Mexiko, 2020. Verfügbar unter: https://www.dof.gob.mx/nota_detalle.php?codigo=5600749&fecha=18/09/2020 (Zugriff am 20.10.2021).


Übersetzung aus dem Spanischen: Beate Engelhardt

Dieser Artikel ist Bestandteil des Dossiers Cybergesetze, Bitcoins und Empowerment: Demokratie und digitaler Wandel in Lateinamerika