Müll in der mittelalterlichen Siedlung Diepensee

Greta Civis, Universität Wien

Müll ist eines der meistdiskutierten Themen der letzten Jahrzehnte. Dabei liegt der Fokus im politischen Diskurs stark auf der Problematik der Müllvermeidung, Müllbeseitigung und der rechtlichen Situation des Mülls. Diese Aspekte berühren jedoch auch die kulturelle Konnotation von Müll. Die Kontextgebundenheit und Variabilität der Kategorie Müll wurde und wird immer wieder thematisiert. In der Ethnologie, der Anthropolgy und den Kultur- und Sozialwissenschften ist bereits wertvolle Grundlagenarbeit für theoretische Überlegungen zu Müll und seiner Rolle in Gesellschaften geleistet worden. Eine direkte Anwendung dieser Ergebnisse auf archäologische Daten ist jedoch nicht möglich.

Eine wesentliche Grundbedingung der geplanten Arbeit ist die Trennung der Begriffe „Müll“ und „Abfall“: Während „Abfall“ durchaus als bloßes „Stoffwechselprodukt“ gelten kann, bezieht der Begriff „Müll“ bei mir die kulturelle Konnotation, das Tabu und die sozialen Komponenten der „Müll-Problematik“ mit ein. „Müll“ ist eng mit abwehrenden, abwertenden Haltungen verbunden. Die archäologische Auseinandersetzung mit Müll hält sich sehr in Grenzen, vereinzelte Arbeiten und eine Ausstellung haben das Thema zwar angeschnitten bzw. auszugsweise behandelt, eine erschöpfende Untersuchung von Siedlungsmüll als eigener Kategorie erfolgte bisher aber nicht. Die Besprechung einer bestimmenden Befundkategorie und mögliche Rückschlüsse auf Gesellschaftsstrukturen, Raumwahrnehmung und -strukturierung sowie die Performanz von Machtvverhältnissen durch Müll ist bisher insgesamt weitgehend von der archäologischen Forschung vernachlässigt worden. Dies war auch der Tenor mehrerer Vorträge zur Taphonoie, die 2010 im Rahmen des West- und Süddeutschen Verbands für Altertumsforschungen stattfanden.

Eine derartige Arbeit wäre ein Beitrag zur Taphonomie (der Lehre der Vergehensprozesse), welche einen der theoretischen Stützpfeiler archäologischer Forschung bildet. Zur Anwendung auf zukünftige Fund- und Befunddeutungen und deren Diskussion soll eine quantitative Methodik entwickelt und erprobt werden. Nur klar definierte Methoden, denen eine gründliche theoretische Auseinandersetzung mit der betreffenden Kategorie zugrundeliegt, bieten eine Grundlage für die Diskussion von Deutungen. Andernfalls müssen Ansprachen intuitiv bleiben und sind ausschließlich an Machtverhältnisse sowie den Horizont des/der Interpretierenden gebunden. Zur Untersuchung ist die mittelalterliche Siedlung Diepensee südlich von Berlin bestens geeignet. Die Siedlung wurde komplett ergraben und kann so einen Einblick in das gesamte mittelalterliche Dorf geben. Momentan ist ein Teil der Aufarbeitung Diepensees in ein DFG-Projektes eingebettet.

In meiner Dissertation sollen konkret die Fragen: Wie wurde im mittelalterlichen Diepensee Müll verstanden? Was lässt sich archäologisch aus dem Umgang mit Müll ablesen? behandelt werden. Aus einer spezifischen Müllbehandlung ergeben sich Informationen über das Raum- und Materialverständnis der betreffenden Gesellschaften. Auch über das mittelalterliche Verhältnis von Mensch und Umwelt lassen sich so Informationen gewinnen. Für das Siedlerdorf Diepensee ist außerdem besonders interessant, ob sich im Laufe der Besiedlung das Müllverhalten als Ausdruck der Umweltwahrnehmung und –aneignung änderte.

Im Idealfall lassen sich auch weitergehende Aussagen über geistigen Horizont und gesellschaftliche Strukturen treffen. Um verschiedene Horizonte der Siedlung voneinander trennen zu können, wird zunächst die Keramik auf ihre zeitliche Einordnung hin bearbeitet werden. Da die Keramik in Diepensee, wie in jeder Siedlungsgrabung, den mit Abstand größten Teil des Fundguts ausmacht, stellt sie auch den größten Teil der Abfälle. Die Größe der Abfälle wird aufgenommen als Hinweis auf obertägige Lagerung oder zügige Entsorgung. In der Materialauswertung wird den Fragen nachgegangen: Wo Fundhäufungen auftreten, ob sich Entsorgungsmuster erkennen lassen, ob unterschiedliche Fundgruppen unterschiedliche Entsorgungsmuster erkennen lassen oder ob bestimmte Dinge regelmäßig vergesellschaftet entsorgt wurden, ob bestimmten Dingen ein bestimmter Platz in der Siedlungsstruktur zuteil wurde - zentral, in Randlage, in Bezug zum Wohnhaus, zur Kirche, zur Landschaft. Die Sichtung des Materials soll weitere Informationen zur Materialbehandlung geben.

Weiterhin ist eine gründliche theoretische Durchdringung des kulturellen Phänomens „Müll“ vonnöten, besonderes Gewicht wird auf Studien aus dem sozialanthropologischem Bereich gelegt.