Benjamin Walter, Universität Osnabrück

Literatur und Migration - Eine empirische Untersuchung zur Rezeption und Bedeutung türkisch-deutscher Literatur bei Jugendlichen mit türkischer Migrationsgeschichte

Im Rahmen des Dissertationsprojektes soll aus literaturdidaktischer Perspektive das Leseverhalten von Jugendlichen mit türkischer Migrationsgeschichte untersucht werden. Der Fokus liegt hierbei besonders darauf, inwieweit Texte und Autoren der deutsch-türkischen „Migrationsliteratur“ rezipiert werden und welche Bedeutung die Jugendlichen der Lektüre ggf. zumessen.

Ausgangspunkt des Forschungsinteresses ist der Befund, dass dieser ästhetisch zum Teil anspruchsvollen und thematisch vielfältigen Literatur im Kontext eines interkulturell orientierten Literaturunterrichts an Schulen eine herausragende Stellung als Lerngegenstand zugemessen wird. Die Bedeutung lässt sich einerseits anhand von Textempfehlungen in Curricula ablesen, andererseits an didaktischen Konzepten und Unterrichtsmodellen, die z.B. die Ermöglichung eines Perspektivwechsels als Begegnung mit dem ‚Fremden’ oder die Ambiguitätstoleranz als bedeutende Lernziele unterstreichen. Daneben insistiert die interkulturelle Literaturdidaktik darauf, mit dieser Literatur in besonderer Weise die Interessen und kulturelle Identität der Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu adressieren und dadurch die Motivation, sich überhaupt mit Texten auseinanderzusetzen, zu fördern.

Inwieweit diese hypothetischen und teils normativen Prämissen in Theorie und Praxis mit den individuellen Leseinteressen und Lektürepräferenzen der jugendlichen (Nicht-?)Leser übereinstimmen oder konfligieren, ob etwa Themen wie ‚Migration’ von Interesse sind, bestimmte Autoren rezipiert und für die Privat- und Unterrichtslektüre als bedeutsam befunden werden und welche Funktionen und Gratifikationen der Lektüre sich unter Rekurs auf die Rezeptions- und Lesesozialisationsforschung rekonstruieren lassen, soll anhand eines triangulierenden Forschungsansatzes untersucht werden. Geplant ist neben einer quantitativen Fragebogenerhebung eine qualitative Teilstudie, die das Forschungsinteresse mittels problemzentrierter Interviews aufgreift.

Die Studie verspricht damit wichtige Impulse für die didaktische Theoriebildung im Sinne einer adäquaten Passung von Lernermerkmalen und Unterrichtsgegenstand sowie empirisch gewonnene Einblicke in die Lesesozialisationsprozesse von Jugendlichen mit Migrationsgeschichte zu gewähren. Die Ergebnisse könnten in die Formulierung von Empfehlungen zur Gestaltung unterrichtlicher Praxis einfließen, die sich ihrer herausfordernden Aufgabe im Spannungsfeld von Sensibilität gegenüber kultureller Vielfalt einerseits und der Überbetonung und Fixierung kultureller Differenzen andererseits bewusst ist.