Der Aspekt der literarischen Störung in Texten von Überlebenden der Shoah
Die literarischen Texte der Holocaust-Überlebenden Ruth Klüger, Liana Millu, Imre Kertész und Edgar Hilsenrath stören. Das ist keine despektierliche Aussage, sondern eine zu belegende These im Hinblick auf die Wirkungsentfaltung dieser Texte.
Holocaust-Literatur, so lässt sich nachlesen, könne als Korrektiv des kollektiven Gedächtnisses fungieren; Überlebenden der Shoah gelänge es mithilfe ihrer Texte „einer zunehmenden Medialisierung und Kosmopolitisierung des Holocausts entgegen zu wirken“; sie „stört[en] den Konsens derer, die zur Tagesordnung übergehen wollen“. Wenn es diesen Texten tatsächlich gelingt, einen Konsens zu stören und öffentlichen Prozessen entgegenzuwirken, dann wäre damit aufgrund der Möglichkeit öffentlicher Partizipation und Interventionen ein politisches Wirkungspotential beschrieben – ein Befund, der sich in der literaturwissenschaftlichen Holocaustforschung bislang nicht in dem Maße etabliert hat, als dass sich an ihn systematische Studien angeschlossen hätten. Eine solche Studie müsste erfragen, wie und unter welchen Voraussetzungen Texte einen Konsens stören und öffentlichen Prozessen entgegenwirken können. Die Dissertation nimmt sich diesen Fragen an und sucht zunächst unter Zuhilfenahme sprachhandlungstheoretischer Überlegungen (der Linguistik) die Entstehung von Störungen zu rekonstruieren. Störungen werden, vereinfacht gesagt, als das Ergebnis kollidierender Erwartungen (oder Präsuppositionen) bzw. als das Ergebnis divergierender Wissensbereiche von Sprecher und Hörer bzw. Autor und Leser verstanden. Störungen können das Wissen von Sprecher und/oder Hörer bearbeiten und z.B. zu einer Veränderung von Denk- und Handlungsmustern führen.
Ich gehe davon aus, dass die Texte der Holocaust-Literatur (Master-)Narrative, Figuren und etablierte Konventionen ausgebildet haben, indessen Folge leserseitge Erwartungen an das Lesen eines Holocaust-Textes bzw. an das „Genre“ Holocaust-Literatur geknüpft sind. Kann oder soll ein Text diese Erwartungen (autorseitig) nicht erfüllen, kann es zu einer Präsuppositionsdivergenz und also zu einer Störung kommen. Die Verarbeitung einer Störung kann sich als Resultat einerseits als nachhaltige Auseinandersetzung mit ihr und dem Thema Shoah insgesamt manifestieren. Als wiederkehrend auftretende und wahrgenommene Störung kann sie aber auch Narrative, Figuren und Konventionen aufweichen, unterminieren und destruieren.
Anhand von mir erarbeiteter unterschiedlicher thematischer Störkomplexe werden die Texte von Halina Birenbaum, Ruth Klüger, Liana Millu, sowie von Edgar Hilsenrath und Imre Kertész, auszugsweise analysiert und auf ihre textlichen Störpotentiale befragt. Dass literarische Störpotentiale vom Leser erkannt und als Störungen aktualisiert werden, lässt sich dann u.a. an vereinzelten Beispielen aus dem Feuilleton zeigen.
Mit der Frage nach den (politischen) Intentionen von Holocaust-Texten, ihrem Interventions- und Störpotential sowie ihrer faktischen Wirkung wird ein gesellschaftlich bedeutsamer, für die Zukunft lehrreicher Aspekt der literarischen Nachkriegsgeschichte ein erstes Mal anhand repräsentativer Texte aus nahezu allen Phasen aufgearbeitet.