Verunsicherung. Eine soziologische Studie
Judith Eckert - Albert-Ludwigs-Universität - Freiburg
Soziologischen Zeitdiagnosen wie Becks (Welt-)Risikogesellschaft oder Baumans Flüchtiger Moderne sowie politischen und medialen Diskursen zufolge leben wir in unsicheren Zeiten und sind entsprechend verunsichert. Offen bleibt dabei aber, wie sich Verunsicherung im alltäglichen Leben der Menschen tatsächlich gestaltet. Diese Forschungslücke stellt den Ausgangspunkt dieser Dissertation dar, deren Datenquelle in der Methodenmixstudie „Subjektive Wahrnehmungen und Einschätzungen zu (Un-)Sicherheiten“ (BMBF-Verbundprojekt BaSiD) liegt und die mittels qualitativ-rekonstruktiver Analyse einen Beitrag dazu leisten will, die Empirie zur Zeitdiagnose zu beleuchten und dabei Verunsicherung in ihrer sozialen Situiertheit zu verstehen.
Dazu wird ein ungewöhnlicher Weg gewählt: Anstelle der vorherrschenden Fokussierungen in der bisherigen Forschung, die sich ‒ bis auf wenige Ausnahmen ‒ auf bestimmte Themen und/oder bestimmte Samples konzentriert, wird hier in beiden Dimensionen eine Varianzsteigerung angestrebt. So basiert diese Studie zum einen auf themenoffenen problemzentrierten Interviews, in denen die Interviewpartner*innen über die ihnen wichtigen Themen erzählen konnten. Zum anderen wurde auch hinsichtlich der Interviewpartner*innen eine Vielfalt angestrebt, sodass das Sample Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen und Lebenslagen umfasst.
Der Forschungslogik der Grounded-Theory-Methodologie folgend hat sich das Forschungsinteresse im Zuge der Interviewauswertung und Literaturaufarbeitung auf drei Leitfragen zugespitzt: Erstens geht um die Frage, welche Unsicherheiten alltagsweltlich eine Rolle spielen. Durch eine rekonstruktive Analyse soll dabei nicht nur das Explizite, sondern auch das Implizite gefasst werden. Ziel dieser Analyse ist es, in den Erzählungen der Interviewpartner*innen Muster und somit eine soziale Grundstruktur gegenwärtiger Verunsicherung herauszuarbeiten. Zweitens interessiert, welche Rolle Unsicherheit im Leben der Interviewpartner*innen spielt. Diese Frage nach der „Erlebnisqualität“ von Verunsicherung wird vor allem in Bezug auf subjektive Handlungs- und Wirkmächtigkeit (Agency) und ungleichheitssoziologisch, genauer: intersektional, untersucht. Drittens gilt es, das methodische Design der Studie im Hinblick auf die Ergebnisse zu reflektieren, womit auch ein Beitrag zu einer (u.a. methoden-)reflexiven Sicherheitsforschung geleistet werden soll. Hierzu wird das Interview in sozialkonstruktivistischem Sinne als soziale Praxis betrachtet, in der Interviewer*in und Interviewpartner*in gemeinsam Daten erzeugen. Dabei soll rekonstruiert werden, wie das in bestimmter Weise (Framing und Wording) präsentierte Interviewthema verstanden und bearbeitet wurde.
Insgesamt gibt diese Studie nicht nur Antworten auf bislang unzureichend bearbeitete empirische Fragen im Feld von Verunsicherung, sondern stellt auch einen Vorschlag dar, wie das oft individualisierend und psychologisierend betrachtete Thema Verunsicherung sozial und soziologisch gefasst werden kann.