Grenzgänge in Lyrik und Tanz-/ Fotografie. Androgyne, polyphone und transmediale Perspektiven im Werk von Susana Thénon (1935-1991)
"The argentine poet Susana Thénon […], turned her country’s exacerbated machismo and military tyranny to ridicule through linguistic ludics, which explains her semi erasure from Argentine letters and the lack of availability of her books, even in Buenos Aires." (Colvile 1996, iv)
Das Promotionsprojekt widmet sich dem lyrischen und fotografischen Werk von Susana Thénon (1935-1991), die in Argentinien sowohl die Lyrik der Generación del 60, als auch die Lyrik der Generación del 80 mitprägte. Sie verband eine Freundschaft mit Alejandra Pizarnik (1934-1972), die als eine der bekanntesten und rätselhaftesten argentinischen Autor_innen des 20. Jahrhunderts gilt. Pizarniks Werk wird bereits umfassend erforscht. Hingegen scheint die in der zeitgenössischen Literaturszene von Buenos Aires bekannte und aufgrund ihrer subversiven Tendenzen und poetkritischen Strahlkraft geschätzte Susana Thénon im deutschsprachigen Raum im Schatten des Pizarnik’schen Mythos’ verkannt zu bleiben.
Die Dissertation wird diese Leerstelle aufarbeiten und zeigen, wie das umfangreiche, vielgestaltige Werk Thénons aus verschiedenen Perspektiven betrachtet seine Mannigfaltigkeit entwickelt. Thénons eigensinniges Lebenswerk ist in einer sehr aufreibenden Phase der argentinischen Geschichte und Kultur des 20. Jahrhunderts entstanden: vor, während und nach der brutalen Militärdiktatur (1976-1983). Ihr suggestives, polyphones, transmediales und gleichwohl interartifizielles Werk zeugt von einer besonderen Kraft und Wirkungsmächtigkeit: Ihre Gedichte, Fotografien, Fotogedichte und Bildakte der Tanzfotografie entfalten eine Vorläufigkeit von Wissen, eine Wandelbarkeit, eine sich nach Transformation sehnende Multiplizität. Thénons Vorstellungskraft führt in einen suggestiven Zwischenbereich von Text und Bild. Der Brückenschlag zwischen Lyrik, Fotografie und Tanz soll vor dem Hintergrund der Grausamkeiten, der Ungewissheiten, des fragmentierten Wissens und der Transformationen des 20. Jahrhunderts, besonders in der zweiten Hälfte in Argentinien verstanden werden.
Wie verhält sich Thénons Werk, und dabei besonders die Reflektion des Lebenswissens zu den Wissens- und Wirklichkeitsbegriffen dieser Zeit? Wie entfaltet sich die von Ähnlichkeit und Unähnlichkeit geprägte Beziehung zwischen Bild und Text, zwischen Lyrik und (Tanz-) Fotografie? Thénons Arbeits- und Schreibweisen zeigen auf, wie sie die Sprache und ihr literarisches Schaffen durch die Einbindung, sowohl der visuellen Welt der Fotografie, als auch der körperlichen, bewegungsdynamischen Welt des Tanzes entgrenzt und erweitert. Wie entwickeln sich diese Grenz- bzw. Übergänge und die Ästhetisierungsprozesse? Wie entfalten sich die genderspezifischen Perspektiven im Werk?
Ziel dieser Arbeit ist es, mit der kulturwissenschaftlich geprägten literaturwissenschaftlichen Methode des close und queerfeminist reading und bildwissenschaftlichen und fotografietheoretischen Zugängen Thénons lyrisches – fünf veröffentlichte Gedichtbände, sowie zahlreiches unveröffentlichtes Material – und fotografisches Werk – urbane und sozialkritische Fotografien, Fotogedichte und Bild-Akte der Tanzfotografie – zu analysieren und zugänglich zu machen. Diese inter- und transdisziplinäre Herangehensweisen, die sich durch einen prozessualen Charakter auszeichnen, ermöglichen es die Texte und Fotografien sowohl aus sozio-kultureller, politischer, als auch literaturästhetischer, sowie genderspezifischer Perspektive zu analysieren.
Die als queer reading (Krass) bezeichnete Leseweise fragt mit den methodischen Mitteln der Diskursanalyse, des Poststrukturalismus, der Psychoanalyse und der Dekonstruktion nach Subtexten, Schattengeschichten, Uneindeutigkeiten und Brüchen – nicht nur – von Gender; zudem stellt sie die allgemeine Zweigeschlechtlichkeit in Frage. Als Anwenderin der Methode ist es mir besonders wichtig, mit meinen Vorannahmen transparent umzugehen und Positionierungen zu benennen. Als Fluchtpunkte für die Analyse – an denen sich das Promotionsprojekt sozusagen aufspannt – dienen zentrale Elemente des Thénon’schen Schaffens: die Auseinandersetzung mit Androgynie und Polyphonie, sowie die werkimmanente Transmedialität bzw. Interartifizialität. Einen weiteren Ansatzpunkt ihr Werk aus queer-feministischer Perspektive zu lesen, bietet die Selbstreflexivität und Selbstreferentialität ihrer Texte. Queer soll hier für Gender als interdependente Kategorie (Walgenbach, Dietze, Hornscheidt, Palm) produktiv gemacht werden; queere Theorie wird „als transitorische Perspektive zwischen Methoden, Metapher und ‚Disziplin’“ verstanden. Ansätze und wesentliche Aspekte der Tanz-, sowie der Transmedialitätsforschung werden ebenfalls berücksichtigt und als Handwerkzeug für einen tragfähigen Zugang zum aufbegehrenden Werk Thénons eingesetzt.