Neue Produktionsformen des Politischen in der arabischen Welt am Beispiel der Musikfestivals in Marokko

Amina Boubia, Institut d'Etudes Politiques de Paris & Universität Kassel

5. Juli 2013

Seit Mitte der 90er Jahre erleben die Musikfestivals in Marokko einen so unerwarteten Aufschwung, dass sie heute fraglos die herausragenden Ereignisse der Kulturszene des Landes darstellen. Für die in- und ausländische Presse sind die Festivals schnell zu einem bevorzugten Thema geworden und erfreuen sich dadurch auf internationaler Ebene wachsender Bekanntheit und touristischer Attraktivität. Gerade die Schnelligkeit, mit der sich dieses soziale Phänomen herauskristallisiert hat, gibt Anlass dazu, die Hintergründe einer solchen Entwicklung zu beleuchten.

Über die soziokulturelle und -ökonomische Dimension hinaus verblüfft besonders der politische Tenor der Debatten, die um die Ereignisse geführt werden. Die hauptsächliche Zielgruppe aller an der Organisation der Veranstaltungen beteiligten Akteure ist die marokkanische Jugend, die die Mehrheit der Bevölkerung darstellt, und die sich in Massen zu den Festivals begibt. Gleichzeitig erreicht der Prozentsatz der Stimmenenthaltungen während der Parlamentswahlen Rekordhöhen und offenbart den völligen Verlust an Glaubwürdigkeit der institutionalisierten Politszene bei gleichzeitigem Anwachsen der islamistischen Strömungen. In diesem Kontext lassen die Festivals nicht gleichgültig: Fortschrittsanhänger, Islamisten und Makhzen (marokkanischer Begriff für den Staat und seine hoheitlichen Institutionen) ergreifen Partei in Form von Unterstützung, Kritik oder Kooptation. In Fortführung meiner Masterarbeit über Die politische Tragweite der Musikfestivals in Marokko ist es Ziel der geplanten Doktorarbeit, die verschiedenen politischen Aspekte dieser Veranstaltungen zu untersuchen. Die Analyse soll zum einen der Frage nachgehen, inwiefern die Musikfestivals in Marokko neue Produktionsformen des Politischen darstellen in einem arabisch-islamischen Land, in dem der Demokratisierungsprozess nur sehr zögerlich voranschreitet und signifikante Fortschritte, die man sich nach dem Herrscherwechsel erhofft hatte, vermisst werden. In einem grösseren Zusammenhang beabsichtigt die Arbeit, ausgehend vom marokkanischen Fallbeispiel, die Ursachen für die Vervielfältigung solcher Ereignisse in der gesamten arabischen Welt zu erforschen. Die Frage ist also, in welchem Masse die Musikfestivals in der arabischen Welt als neue Produktionsformen des Politischen angesehen werden können.

Mehrere Hypothesen sind dabei in Betracht zu ziehen, die sich nicht unbedingt gegenseitig ausschliessen. Die erste wäre, die Festivals als eine neue Ausdrucksform des Politischen anzusehen, die aus dem Mangel an Glaubwürdigkeit der institutionellen politischen Landschaft erwachsen ist. Tatsächlich ermöglichen die Festivals den Teilnehmern (Veranstaltern, Künstlern, Zuschauern), sich den öffentlichen Raum neu anzueignen, idem sie de facto eine Liberalisierung der Sitten und identitäre Neuschöpfungen und Selbstversicherungen ermutigen (Kleidung, Liedtexte, Aufschwung des marokkanischen Dialekts, des Darija). Die zweite Hypothese geht von der Idee aus, dass die Festivals von den politischen Handlungsträgern genutzt werden, insbesondere vom Palast und den dem Makhzen nahestehenden Persönlichkeiten, um das internationale Image des Landes zu pflegen, soziale Frustrationen zu kanalisieren und dem Aufstieg des Islamismus entgegenzuwirken. Die grosse Mehrzahl der Festivals findet „unter der Schirmherrschaft Seiner Majestät des Königs Mohammed VI.“ statt und wird unter der Präsidentschaft einer politischen Persönlichkeit organisiert, die den Machthabern nahesteht. L’Boulevard in Casablanca ist das einzige Festival mit grösserer Breitenwirkung, das sich eine relative Unabhängigkeit bewahrt hat, und gerade deshalb für unsere Untersuchung von besonderem Interesse. Schliesslich ist die Position der Islamisten, die die Festivals als eine Ursache moralischen Verfalls, Geldverschwendung und als „Opium“ fürs Volk denunzieren, sehr aufschlussreich. So gesehen erscheinen die Musikfestivals als ein Schlüssel zur Analyse der politischen Anthropologie des zeitgenössischen Marokko.

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