Gesa Foken, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig

Offenheitszwang – Kritik der Offenheitsästhetik vor dem Hintergrund zeitgenössischer Zeichnung

Die Arbeit analysiert die zeitgenössische Programmatik ästhetischer Offenheit vor dem Hintergrund zeitgenössischer Zeichnung und stellt die Frage nach einem möglichen Umschlagen von Offenheit in Zwang.

Die maßgeblich von Umberto Eco geprägte ästhetische Kategorie der Offenheit steht nicht nur für vermehrte Mitspracherechte der Betrachter und für unbestimmte, mehrdeutige Kunstwerke, sondern zugleich für eine zeitgemäße und engagierte Reaktion auf Welt. Angesichts von arrivierten Programmen der Offenheit in zeitgenössischer Zeichnungspraxis und -theorie stelle ich die Frage, inwieweit Offenheit, zur normativen Größe erhoben, in Zwang umschlagen und – entgegen ihres im Begriff verdeutlichten Anspruchs – selbst zum Dogma werden kann.
Die Beantwortung der Forschungsfrage wird mit Hilfe der ästhetischen Theorie des besonders offenen Kunstwerks [Eco 1962, 1967] sowie gegenwärtiger Flexibilisierungskritik in den Sozialwissenschaften [maßgeblich Sennett 1998, 2006] erarbeitet. Ausgangspunkt und exemplarisch zu erforschende Basis sind Erscheinungs- und Produktionsformen zeitgenössischen Zeichnens. Die im Titel als Paradox pointierte Fragestellung gibt den zu bearbeitenden Schwerpunkten in ästhetischer, Sozial- und Zeichnungstheorie einen methodischen und hypothetisch inhaltlichen Rahmen.
Die Untersuchung des ästhetischen Problems normativer Offenheit hat in einer Gesellschaft, in der Flexibilität zur entscheidenden Anforderung an Individuen geworden ist – und sich dabei weniger als Freiheit denn als Zwang manifestiert – das Potential, über die Grenzen der Kunst hinaus auf ein gesellschaftliches Problem zu verweisen.