Geschlechtergerechtigkeit im koedukativen Sportunterricht - zum genderkompetenten Handeln von Lehrkräften
„Die Theorie schreitet voran, die Praxis bleibt zurück“ - mit diesen Worten beschreiben Kugelmann u. a. (2006, S. 262) die wissenschaftliche Diskussion und die praktische Umsetzung des koedukativen – also geschlechtergemischten – Sportunterrichts. Die Aussage impliziert, dass auf wissenschaftlicher Ebene Lösungskonzepte für den konstruktiven Umgang mit der gesteigerten Leistungs- und Interessenheterogenität in geschlechtergemischten Sportgruppen erarbeitet wurden. Leider bleiben diese pädagogischen Möglichkeiten in der Praxis – so die gängige Kritik wissenschaftlicher Beiträge (Frohn, 2009) - häufig ungenutzt.
Während sich die Koedukation seit der Bildungsreform in den Sechzigerjahren in allen anderen Fächern als Gestaltungsprinzip von Unterricht zur Förderung der Chancengleichheit der Geschlechter etabliert hat, ist ein gleichberechtigtes gemeinsames Sporttreiben männlicher und weiblicher Heranwachsender bis heute keineswegs selbstverständlich. Vielmehr konnten sich dichotome Strukturen in der Welt des (Schul-)Sports mit besonderer Hartnäckigkeit halten:
„Geschlecht hat sich – vor allem im Sport – als ein soziales Ordnungsmuster halten können, weil zugeschriebene Geschlechtsmerkmale vorrangig auf biologische Voraussetzungen zurückgeführt werden können und damit von selbst als ‚natürlich‘ und ‚natürlich ungleich‘ erscheinen“ (Hartmann-Tews, 2006, S. 41).
So entspricht es laut Gieß-Stüber (2002) nicht selten der Schulsportpraxis, dass Lehrkräfte stereotype Rollenbilder im Bereich des Sports reproduzieren und zur Handlungsgrundlage nachfolgender Generationen machen. Hierbei werden die Heranwachsenden mit Sportaktivitäten und Verhaltenserwartungen konfrontiert, die aus gesellschaftlicher Sicht ‚typisch’ für das jeweilige Geschlecht sind. Auch wenn heutzutage in der Regel niemand explizit aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit von Bewegungsangeboten ausgeschlossen wird, wirken auf diese Weise subtile Exklusionsmechanismen weiterhin fort (Frohn, 2009). Schülerinnen und Schülern werden – trotz vermeintlicher Gleichberechtigung - Zugangsmöglichkeiten, Interessen und Kompetenzen in unterschiedlicher Weise vermittelt. Auch können Teilnahmemotivation, Selbstwahrnehmung und Entfaltungsmöglichkeiten der SchülerInnen leiden, wenn der (koedukative) Sportunterricht nicht genderkompetent angeleitet wird (Mutz & Burrmann, 2014). Eine solche Praxis widerspricht dem komplexen Anspruch einer geschlechtergerechten Schule.
Dem Sportunterricht kommt innerhalb der Sozialisationsinstanz Schule – insbesondere im zunehmenden Ganztagesschulbetrieb – eine Schlüsselposition bei der Vermittlung von Einstellungen zum Thema Bewegungs- und Körperkultur zu. Eine dauerhaft monoedukative Bewegungserziehung scheint, insbesondere mit Blick auf den derzeit erstarkenden Inklusionsgedanken, keine zeitgemäße Alternative zur Koedukation zu sein. Ziele der vorliegenden Arbeit sind es daher, die sportwissenschaftlichen Erkenntnisse der Jahrzehnte andauernden Koedukationsdebatte zu bündeln und die Umsetzung in der Praxis zu beleuchten. Die Arbeit folgt der übergeordneten Problemstellung:
- Welche Strategien tragen zu einer geschlechtergerechten Erziehung im koedukativen Sportunterricht bei und werden diese von den Lehrkräften genderkompetent umgesetzt?