Ein Stimmungsbild der türkischen Gesellschaft
Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit, die gesellschaftlichen Auseinandersetzung in der Türkei zu verstehen, als einen Blick auf die unterschiedlichen, sehr heftigen Reaktionen auf diesen Film zu werfen.
Der Mythos Atatürk
Dem Atatürk-Kult kann in der Türkei niemand so recht entkommen. Beginnend mit der Grundschule wird Atatürk zum ständigen Lebensbegleiter: Angefangen vom selbst gebastelten Atatürk-Kalender, über das Auswendiglernen von Atatürk-Sprüchen bis hin zu Atatürk-Bilderalben... In der Pubertät beginnt man, sich von dem Helden zu befreien. In dieser Lebensphase haben, hinter vorgehaltener Hand erzählt, Atatürk-Witze und -Gerüchte Hochkonjunktur. Öffentlich darf an dem Mythos Atatürk nicht gerüttelt werden. Besonders prickelnd, da tabu, sind daher Gerüchte wie, Atatürk sei homosexuell gewesen, ein Alkoholiker, ein Frauenheld. Im jungen Erwachsenenalter wiederum besinnt man sich eher auf eine politische Beschäftigung mit Atatürk: Die einen werden zu glühenden Atatürkisten wie diejenigen, die sich im Atatürk-Gedanken-Verein oder ähnlichen Organisationen zusammen finden. Für sie wird Atatürk nahezu gottgleich. Andere hingegen sehen in ihm die Wurzel aller Verwerfungen des politischen Systems der Türkei. Er wird zum Diktator, zum Kurdenfeind, zum Unterdrücker der Religion usw. stilisiert – Atatürk wird zum Anti-Gott, fast schon zur Bestie.
Der Film „Mustafa“
Can Dündar hat nicht viel mehr gemacht, als Atatürk bei seinem richtigen Namen – Mustafa Kemal – zu nennen und ihn als historisch bedeutsame Person mit menschlichen Zügen darzustellen. Die Kemalisten rufen nun zum Boykott auf: Atatürk sei im Film zu kleinwüchsig, er werde als Alkoholiker, Raucher, Frauenheld und einsamer Mann dargestellt – das gehe nun gar nicht. Der Film wird wahlweise zum Werk von Islamisten, von Linken und des Westens erklärt. Andere wiederum sind enttäuscht, da der Film beispielsweise die Armenier-, die Kurden- und die Religionsfrage nur sehr am Rande streift. Dass Mustafa Kemal Alkoholiker usw. war, sei doch längst bekannt.
Nach der Lektüre der Kritiken gewinne ich schließlich doch noch Sympathie für dieses eher schlecht gemachte Werk: Der Film hält allen einen Spiegel vor Augen. Sein simpler aber dringend notwendiger Appell: Es wird Zeit, sich von einer Art der Geschichtsschreibung zu verabschieden, die mit Göttern und Anti-Göttern operiert.
Ulrike Dufner, 3.11.2008
Leiterin des Türkei-Büros der Heinrich-Böll-Stiftung, Istanbul