Ökologisches Wachstum: Beispiele für erfolgreiches nachhaltiges Wirtschaften

 

Stephan Depping

Die Schuldenkrise von Bund, Ländern und Kommunen setzt der Ausweitung öffentlicher Investitionen enge Grenzen. Wie kann unter diesen Vorzeichen der Übergang zu einer umweltverträglichen und sozialen Marktwirtschaft gelingen?

Der Übergang ist nicht nur Sache der öffentlichen Hand. Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer. Seine Aufgabe ist es, Rahmenbedingungen zu setzen und ggf. Anreizsysteme zu schaffen, die nicht in Dauersubventionen enden dürfen. Wir alle stehen in der Verantwortung, heute so zu agieren, dass auch künftige Generationen noch eine lebenswerte Umwelt vorfinden, in der alle am wirtschaftlichen Erfolg teilhaben können. Also müssen auch Unternehmen umdenken und Verantwortung nicht nur für die Zukunft des Unternehmens, sondern für ein nachhaltiges Wirtschaften übernehmen. Ein Energieversorger ist durch den Umgang mit natürlichen Ressourcen nah an den zur Verfügung stehenden Stellhebeln. Die HSE wandelt sich deshalb zu einem Nachhaltigkeitskonzern und damit zu einem Energiedienstleister, der sein Wirtschaften auf den drei Säulen CO2 vermeiden, vermindern und kompensieren aufbaut. Die HSE vermeidet CO2 indem sie über eine Milliarde EUR bis zum Jahr 2015 in die Erzeugung von Erneuerbaren Energien investiert.
Sie vermindert Emissionen durch ihr Beratungsangebot und ihre Forschungsunterstützung im Bereich Energieeffizienz. Darüber hinaus hilft sie den weder vermeidbaren noch verminderbaren Rest über ihre Tochtergesellschaft Forest Carbon Group zu kompensieren, die durch Waldschutz und Waldaufforstungsprojekte Zertifikate am freiwilligen Kohlenstoffmarkt generiert.

In welchem Bereich sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

Der größte Handlungsbedarf besteht dort, wo ohne aktive Verhaltens- und Prozessänderungen begrenzte natürliche Ressourcen verbraucht werden und die Auswirkungen auf nachfolgende Generationen nicht mit bedacht werden. Ein wichtiger Bereich mit Handlungsbedarf sind hierbei die Städte. Heute werden 80 Prozent der weltweiten Treibhausgase in Städten emittiert. 75 Prozent der weltweit eingesetzten Energie wird auf einer Fläche verbraucht, die lediglich 1Prozent der Erdoberfläche entspricht Städte sind lebendige, dynamische Systeme, die einem ständigen Wandel unterliegen. Sie werden durch menschliche Bedürfnisse und wirtschaftliche Anforderungen gleichermaßen geprägt.
Dadurch werden entsprechende Stadtstrukturen geschaffen, die inzwischen deutlich spürbar werden. Fünf Handlungsfelder haben meiner Meinung nach hier aus Sicht eines Energiedienstleisters besondere Relevanz:

  1. Eine klimaschonende regenerative Energieerzeugung inklusive Prozesswärme und Kraft-Wärme-Kopplung
  2. die Energieeffizienz, d.h. die Energieeinsparung durch Dämmung, Heiztechnik und Hausgeräte
  3. eine effiziente Nutzung von Wasserressourcen im Sinne eines Wassermanagements
  4. die Mobilität und zwar die Elektromobilität im Besonderen
  5. die ökologische Stadtentwicklung insgesamt, einschließlich Dachflächenbegrünung, Frischluftschneisen und den Anforderungen an die Biodiversität.

Wie und von wem sind die nötigen Investitionen zum ökologischen Umbau von Unternehmen und der öffentlichen Infrastruktur zu finanzieren?

Der Staat kann Anreize schaffen durch Steuererleichterungen und Fördermaßnahmen. Die Entwicklung bei den Erneuerbaren Energien zeigt, dass die Umstellung auf ein nachhaltiges Wirtschaften ein erfolgreiches Geschäftsmodell werden kann und muss. Insofern sind die verantwortungsbewussten Unternehmen aufgefordert, ihre Wertschöpfungskette ökologisch umzubauen und Produkte für diesen wachsenden Markt zu produzieren. Mittel- bis langfristig werden sich diese Produkte einen relevanten Marktanteil verschaffen.
Öffentliche Infrastruktur ist zunächst eine Aufgabe der öffentlichen Hand, die vom Staat bereitgestellt oder mitfinanziert werden muss. Aber auch in diesem Segment gibt es tragfähige Geschäftsmodelle, die kapitalmarktfähig sind und wirtschaftlich betrieben werden können, wenn ich an die Energienetze denke. Die Grenze wird immer dann erreicht, wenn durch staatliche Eingriffe, z.B. eine zu starke Regulierung, die Wirtschaftlichkeit in Frage gestellt wird. Richtig gehandhabt kann sich allerdings eine Synergie von privater und öffentlicher Finanzierung ergeben.

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Matthias W. Send ist Vorsitzender der Geschäftsführung des NATURpur Instituts für Klima- und Umweltschutz gGmbH.

Das Interview führte Stephan Depping, Heinrich-Böll-Stiftung.

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