"Jede Nation wäre ohne die EU besser dran"

Nigel Farage, Foto: European Parliament, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Die Briten sind Europäer und stolz darauf, sagt der britische EU-Abgeordnete und UKIP-Chef Nigel Farage im Interview mit Mimoza Troni für EurActiv.de. Die EU sei allerdings ein extrem gefährlicher Nachfolger der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts.


EurActiv.de: Nächstes Jahr ist Großbritannien seit 40 Jahren EU-Mitglied. Ist dies ein Anlass, den Sie feiern oder lieber vergessen wollen?

Nigel Farage: Es ist ein Anlass für große Scham und Trauer. Nach 40 Jahren EU-Herrschaft ist es aber eine Zeit, in der man über keinen Aspekt des Lebens in unserem Land sagen kann, dass er nicht vom Einfluss der EU und ihren Agenten in Großbritannien befleckt wurde.

Manche sagen, dass die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens vom Wunsch der Briten motiviert war, zu "kontrollieren" was die Europäer tun sowie wegen der Europäischen Freihandelszone. Wie ist Ihre Meinung?

Wir dachten, es wäre nur ein "Gemeinsamer Markt" - das ist, was uns gesagt wurde. Das Wort "Union" wurde nie erwähnt. Einige Politiker und Beamte, Finanzmogule, die Industrie und die Medien sahen es aus einer imperialen Perspektive. Ich glaube, dass sie, ihre Gegenspieler in Frankreich und Deutschland und die politische Klasse der EU das noch immer tun, aber davon wurde in der Öffentlichkeit nichts gesagt.

Washington wollte, dass wir beitreten – angeblich aus dem Grund, den Sie erwähnen: um Deutschland in Schach zu halten. Die Amerikaner finanzierten zudem Schuman, Spinelli, Monnet, Spaak und den Rest - und schüttete Geld in Großbritanniens "Ja"-Kampagne im Jahr 1975. Deswegen sind wir der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beigetreten.

Sie haben die Conservative Party verlassen, als der Vertrag von Maastricht unterzeichnet wurde. Warum wäre Großbritannien ohne die EU-Mitgliedschaft besser dran?

Ich habe die Tories verlassen als sie Maastricht nicht verhindert haben. Sie haben versagt und es wurde eine neue Partei gebraucht, um den immensen Abfluss unserer Ressourcen zu beseitigen, zu dem die EU geworden war, und weil die EU unter ihrem zuckrig süßen Äußeren eindeutig eine Diktatur war. Es wird immer schlimmer. Jede Nation wäre ohne sie besser dran.

Was sind Ihre größten Sorgen in Bezug auf die Europäische Union?

Ihr cleveres Scheinbild einer Demokratie, ihr immenser Ehrgeiz, ihr Abzweigen von Steuergeldern und vom Geld der Verbraucher an eine Vielzahl von pro-EU, meinungsbildenden Organisationen...

Wie hat die EU-Mitgliedschaft Großbritannien am meisten beeinflusst?

Die Korruption der Gesellschaft durch politische Korrektheit: Politische Korrektheit ist die Doktrin, bei der die politische Macht alleine entscheidet, was Gut und was Schlecht ist.

Der Think Tank "Open Europe" nennt viele Vorteile der EU-Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs, besonders in Bezug auf die Automobilindustrie und den Finanzdienstleistungssektor. Kann es sich das Vereinigte Königreich, von einem wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen leisten, die EU zu verlassen?

Natürlich! Open Europe spricht Unsinn. Welche britische Autoindustrie? Es ist kein einziger großer britischer Autohersteller übriggeblieben! Und wenn es um unsere Finanzdienstleister geht: die sind alle unter Belagerung der EU.

Sehen Sie eine akzeptable Alternative für Großbritannien, außer die EU zu verlassen?

Nein, sehe ich nicht!

David Cameron hat ein britisches Veto angekündigt, sollte die EU ihr Budget für den Zeitraum von 2014 bis 2020 erhöhen. Was sind Ihre Gedanken zu Camerons Idee?

Er versucht lediglich, an der Macht zu bleiben und genau das wollen die Eurokraten von ihm. Er ist ihre letzte Hoffnung in Großbritannien.

Was halten Sie von der Möglichkeit, dass es ein Budget für die Eurogruppe und ein anderes für alle Mitgliedsstaaten gibt?

Das ist die nächste Stufe der Auflösung der EU. Immer her damit!

Wie stehen die Briten einer EU-Finanztransaktionssteuer gegenüber?

Das ist einer dieser Angriffe auf unsere Finanzindustrie. Die meisten Finanztransaktionen der EU finden nämlich in London statt.

Wenn die britische Bevölkerung wählen könnte, ob sie in der EU bleibt oder nicht: Welche Ergebnisse würden sie vorhersagen?

Wir würden die EU ablehnen, denn sie kostet uns 150 Milliarden Pfund pro Jahr aufgrund von Verlusten auf dem Weltmarkt, wegen Kosten der EU-Regulierung und wegen direkter Abgaben. Sie hat nicht, wird nicht und wünscht auch nicht, eine demokratische Verantwortung zu übernehmen. Die EU ist ein extrem gefährlicher Nachfolger der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts.

Sie haben neulich EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso dafür kritisiert, nicht vom Volk gewählt worden zu sein. Er erwiderte, dass sie es nicht geschafft hätten, in Großbritannien gewählt zu werden und deshalb nach Brüssel gekommen wären. Ihre Antwort darauf?

Lächerlich – aber seine implizierte Geringschätzung für das Pseudo-Parlament der EU ist ehrlich genug. Nichtsdestotrotz wurde ich von zehntausenden gewählt und er wurde bloß von weniger als 600 EU-Fanatikern und Karrieristen von einer Liste, auf der nur er stand, anerkannt.

Vor dem Hintergrund Ihrer Haltung zur EU: Warum sind Sie Mitglied des EU-Parlaments?

Es war der einzige Weg, das Medienembargo der EU in Großbritannien zu durchbrechen. Die Pro-EU Medien müssen so tun, als ob EU-Abgeordnete wichtig wären, weil sie die "demokratische" Tarnung der EU-Kommission sind. Also müssen sie die UKIP (United Kingdom Independence Party) beachten, die 2009 mit 13 Sitzen und zweieinhalb Millionen Stimmen gewählt wurde.

Warum tritt Großbritannien dem Schengener Abkommen nicht bei?

Unsere EU-Parteien würden das liebend gerne tun, aber sie merken, dass sie damit nicht davonkommen würden, jetzt wo ihnen UKIP im Nacken sitzt.

Gibt es so etwas wie eine europäische Identität, die in Großbritannien wächst? Fühlen sich die Briten europäisch?

Wir sind Europäer und stolz darauf. Es ist diese zentralisierte, homogenisierte EU, die anti-europäisch ist.

.....

Dieses Interview wurde zuerst auf der Webseite EurActiv.de veröffentlicht.
Interview: Mimoza Troni
Übersetzung aus dem Englischen: Stephan Lahodynsky, Daniel Tost