Ein verletztes und verletzliches Verhältnis: Polen und Deutschland

Erika Steinbach auf dem CDU-Kreisparteitag 2008 in Frankfurt am Main. Foto: Nils Bremer
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12. März 2009
Joscha Schmierer
Von Joscha Schmierer

Der Austausch von bewussten und unbewussten Grobschlächtigkeiten zwischen deutschen und polnischen Politikern hat in den letzten Wochen erneut hohe Wellen geschlagen. Da kann es tröstlich sein, in Viva Polonia zu blättern, Steffen Möllers Aufzeichnungen seiner Erfahrungen Als deutscher Gastarbeiter in Polen zu lesen:

„Wenn ich von den “deutsch-polnischen Beziehungen“ lese, bemühe ich mich, weder an kluge Leitartikel noch an verkrampfte Fernsehdiskussionen zu denken, sondern an den Eurocity Berlin-Warschau. Dieser Zug, der drei Mal täglich die beiden Hauptstädte verbindet (in sechs Stunden Fahrzeit), ist wie eine Tangente zwischen den zwei Staaten. Hier wimmelt es von Betweenern, Polen und Deutschen, die seit Jahren im jeweils anderen Land leben, ständig hin und her fahren und auf die Frage nach ihrer Staatsangehörigkeit im Reisepass nachgucken müssen. Ich darf mich stolz zu dieser Community dazuzählen, und wenn ich mich in den Speisewagen WARS begebe, kann ich sicher sein, einen Berliner oder Warschauer Bekannten zu treffen, etwa Adam Krzeminski, Deutschlandexperte der Zeitschrift Polityka, der stets am Einzeltisch gleich links sitzt und stets das Nummer-eins-Buch der SPIEGEL-Bestseller-Liste studiert.“ (ders., Viva Polonia. Als deutscher Gastarbeiter in Polen, Frankfurt am Main 2008, S. 70 ).

Krzeminski hat also auch wahrscheinlich Steffen Möllers Buch studiert. Es dürfte den unermüdlichen Verteidiger gemeinsamer deutsch-polnischer Interessen in seinen Bemühungen, der Vernunft im Verhältnis der beiden Staaten Raum zu geben, ermutigt haben. Deutsch-polnische Nachbarschaft muss gelingen, plädiert er. Es sei ein Testfall für Europa.

Asymmetrie

In seiner Streitschrift gegen Egozentriker und Scharfmacher auf beiden Seiten verweist Krzeminski auf den heiklen Punkt: „Die deutsch-polnischen Beziehungen und die Partnerschaft beider Länder in der EU und in der NATO sind nicht deshalb schwierig, weil über ihnen die Schatten Friedrichs II. und der Zarin Katharina der Großen liegen oder gar die Gespenster Hitlers und Stalins schweben, sondern weil diese Nachbarschaft nach wie vor asymmetrisch ist, wofür der BIP-Vergleich – 9:1 – nur ein Indiz ist.“ (Adam Krzeminski, Testfall für Europa, edition Körber-Stiftung hg. von Roger de Weck, Hamburg 2008, S. 87)

Diese Asymmetrie hat eine Ursache in der langen Verweigerung einer autonomen Entwicklung. Im  19. Jahrhundert und bis ins 20. Jahrhundert hinein war Polen in Randzonen seiner imperialen Nachbarn zertrennt. Sie waren Anhängsel an die imperialen Zentren. Im Zweiten Weltkrieg erneut geteilt und gequält wurde es nach Westen verschoben und doch dem Sowjetimperium einverleibt. Aus dieser Asymmetrie der Entwicklungschancen und der Resultate entspringt auf Seiten der Deutschen manche Arroganz. Für die Polen kann umgekehrt sogar als Arroganz erscheinen, was allenfalls Unachtsamkeit ist. Ihre Reaktion wiederum wird hierzulande und auch in anderen westlichen EU-Staaten als aufgeplustertes Stolzgehabe wahrgenommen.

Man kann sich vernünftig untereinander verhalten, auch ohne dass die Asymmetrie bereits überwunden ist. Aber Adam Krzeminski hat Recht, wenn er meint, die Westeuropäer – und insbesondere die Deutschen – seien aufgerufen, „sich zum Wohle des res publica europeana, der „Rzeczpospolita Europejska“ oder der „Bundesrepublik Europa“ für den Aufstieg Ostmitteleuropas stark zu machen. Damit ist keineswegs irgendeine Wiedergutmachung für die Untaten der Vergangenheit gemeint. Diese Feststellung entspringt vielmehr der Einsicht in die gemeinsamen Interessen der Europäer, wenn sie im globalen Wettbewerb langfristig bestehen wollen.“ (A.a.O. S. 67)

Arroganz

Dass alltägliche Arroganz im Umgang auch die Glaubwürdigkeit der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit in Zweifel zieht, kann nicht verwundern. In einem Interview vom letzten Jahr erzählt Steffen Möller, er moderiere oft Partys von deutsch-polnischen Firmen „und da geht es den Polen auf die Nerven, wenn sie das Gefühl haben, da kommt ein Deutscher und tut so, als sei nichts gewesen. Für deutsche Unternehmen, die in Polen eine Filiale gründen, hat dieses Thema keinen Platz, das sollen mal schön Historiker oder Politiker machen. Sie behandeln die Polen oft herablassend. Die Polen folgern dann: Aha, die angebliche Vergangenheitsbewältigung ist etwas für Sonntagsreden.“ (vgl. Die Zeit vom 15. Mai 2008)

Von Andrzej Stasiuk sind mehrere Bücher ins Deutsche übersetzt worden. Er war hier auf Lesereisen unterwegs und hat ein kleines Buch über seine Eindrücke geschrieben. Nüchtern könne man nicht von Polen nach Deutschland kommen: „Machen wir uns da nichts vor. Das ist immerhin ein Trauma. Es betrifft Spargelzuchtspezialisten und Schriftsteller gleichermaßen. Man kann nicht einfach mal locker nach Deutschland fahren. So wie zum Beispiel nach Monaco, Portugal oder nach Ungarn. Nach Deutschland fahren, das ist Psychoanalyse.“ (Andrzej Stasiuk, Dojczland, Frankfurt am Main 2008, S. 25)

Fremd- wie Selbstanalyse bei Stasiuk. Von seinen Freunden, die länger in Deutschland lebten, hätte er nie gehört, „dass sie sich mit Deutschen angefreundet hätten. Deutsche eigneten sich nicht für eine Freundschaft. Meine Freunde bezogen deutsche Sozialhilfe, aber in ihren Erzählungen kamen die Deutschen nicht als Menschen vor. Höchstens als Arbeitgeber, Polizisten oder Beamte. Und aus diesen Erzählungen ging hervor, dass Deutschland ein viel angenehmeres Land wäre, wenn es dort keine Deutschen gäbe. Wenn nur die Gastarbeiter und Emigranten dort blieben.“ (A.a.O. S. 27)

Das mag nicht mehr so bizarr klingen, wenn man die Erfahrungen Steffen Möllers in seiner Heimat daneben stellt: „Die deutsche Arroganz ist überall spürbar, man muss nur mal ein bisschen Pole sein. Ich habe es in einer Berliner Wohnverwaltung erlebt. Ich sollte eine Steuerbescheinigung vorlegen. Als ich sagte, mein Finanzamt befinde sich in Warschau, konnte ich förmlich sehen, wie meine Chancen auf diese Wohnung rapide sanken. Wenn ich gesagt hätte, mein Finanzamt ist in London, hätte ich die Wohnung sofort gehabt. Ich frage auch Polen, die zu meinen Lesungen kommen, wie lange sie schon in Deutschland leben. 25 Jahre, sagt dann einer. Und, finden Sie die Deutschen nett? Erst kommt Schweigen, dann: Sie sind so kalt.“ (Die Zeit vom 15. Mai 2008)

Vor nichts sicher

Und damit bin ich dann doch bei Erika Steinbach, deren „Rückzug“ von einem Sitz im Beirat für die „Gedenkstätte Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ Horst Seehofer nicht hinnehmen will. Damit kein Zweifel an den parteipolitischen Aspekten der Angelegenheit aufkommen kann, sagte er dem Münchner Merkur: „Der Stiftungssitz bleibt für uns als CSU auf der Tagesordnung.“ Er will Erika Steinbach den bayrischen Verdienstorden, den höchsten Orden des Freistaats, verleihen: „Ich bin stolz darauf, eine so aufrechte, tapfere und humanistisch gesinnte Frau zu würdigen.“ Die unverhohlene und geradezu aggressive Einmischung eines Nachbarlandes in deutsche Entscheidungen sei nicht akzeptabel und widerspreche dem viel beschworenen europäischen Geist.

Erika Steinbach hat sich ins Zentrum der deutsch-polnischen Auseinandersetzungen um ein angemessenes Gedenken an den II. Weltkrieg, Vernichtung, Versklavung und Vertreibungen geboxt und dort will sie auch nach ihrem Scheinrückzug erst recht bleiben. Politiker und Publizisten hierzulande betonen, die polnischen Kritiker berücksichtigten nicht, dass Steinbach zwar die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze abgelehnt habe, die Grenze heute aber anerkenne, dass sie zwar den EU-Beitritt Polens mit Bedingungen überfrachten wollte, die ihn verhindert hätten, ihm schließlich aber doch zustimmte, dass sie zwar früher Entschädigungen gefordert, dann aber die preußische Treuhand nicht unterstützt habe und dass sie somit sich letztlich immer gegen ein Abgleiten des BdV in Revanchismus und Revisionismus gestemmt hätte. Das mag alles sein, sagen die polnischen Kritiker, aber sicher ist man bei Frau Steinbach vor nichts. Und da haben sie Recht.

Das Damoklesschwert der Frau Steinbach

Man muss kein Pole sein, um sich durch die auftrumpfende Arroganz Erika Steinbachs irritiert und verletzt zu fühlen. Vor ihrem vermeintlichen Rückzug hatte sie bereits verkündet, bei einem Verzicht auf das Amt müsse sie „im selben Moment“ ihr „Amt als Vertriebenenpräsidentin“ niederlegen. Indem sie ihr Amt als Verbandpräsidentin, als Präsidentin einer Teilmenge der Staatsbürger und sich unter der Hand als Nebenpräsidentin interpretiert, grenzte ein Verzicht an Hochverrat. Zugleich macht sie geltend, „Ein Opferverband hat nicht die Aufgabe, diplomatisch zu sein.“ (Spiegel 10/2009, S. 38 ff.) Das Recht auf Holzhammermethoden wird aus dem Selbstverständnis des Verbandes abgeleitet, unabhängig davon, was seine Mitglieder außer Opfer zu sein, sonst vielleicht auch selbst getan haben.

Eine Aufarbeitung über die Naziverstrickung von BDV-Funktionären lehnte sie 2006 aus Geldgründen ab. (Spiegel 33/2006, S. 46 f.) Polen wirft sie dafür pauschal vor, nicht die „Umdeutung der Geschichte“ durch deutsche Geschichtspolitik zu fürchten, sondern die Wahrheit. Demnach geht es um Anklage, nicht um Versöhnung.

Über alle konzeptionellen und institutionellen Wandlungen hinweg beharrt Erika Steinbach darauf, es handle sich bei der Gedenkstätte um ihr „Kind“. Zugleich wehrt sie sich gegen die Personalisierung der Auseinandersetzung. Doch gerade von der Personalisierung lebt sie politisch. Den Sitz im Beirat freizulassen, sei ja noch keine Lösung wird ihr in einem Interview der Welt vorgehalten. Doch, antwortet sie, aus ihrer Sicht sei das eine „wunderbare Lösung“ – ein „fantastisches Damoklesschwert“.

Welch eine Fantasie: Der freie Sitz, solange Frau Steinbach nicht auf ihm sitzt, als Damoklesschwert! Über wem hängt es? Der Tyrann Dionys hatte ja das Schwert, nur durch ein Pferdehaar gehalten, über den schmeichlerischen Damokles gehängt, damit der beim Genuss all der gebotenen Herrlichkeit eine Ahnung bekommt, wie gefährlich es sich als Tyrann lebt. Der BdV als tyrannischer Lehrmeister? Bei Gellert endet die Fabel mit der Bitte des Damokles:

„Ach! fängt er zitternd an zu schreien:
Laß mich, o Dionys, nicht länger glücklich sein!“

Das hieße in Frau Steinbachs gebildeter Bildsprache: Überlasst die Angelegenheit gefälligst mir, denn ich weiß, wo der Hammer hängt. Wer personalisiert also da? Frau Steinbach zerdrückt ihr „Kind“ an der Brust. Die Schnoddrigkeit und Egozentrik sind das Problem. Sie sind längst zu unserem Problem im Verhältnis zum polnischen Nachbarn geworden.

Joscha Schmierer

Jeden Monat kommentiert Joscha Schmierer aktuelle außenpolitische Themen. Der Autor, freier Publizist, war von 1999 – 2007 Mitarbeiter im Planungsstab des Auswärtigen Amts.

 

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