Kurzbiografien 3. deutsch-israelische Literaturtage

3. Mai 2010
Foto: Thomas Münster

Sibylle Lewitscharoff

Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart geboren, studierte Religionwissenschaft in Berlin, wo sie nach Aufenthalten in Buenos Aires und Paris heute wieder lebt. Sie ist freie Schriftstellerin, Autorin von Radiofeatures und Hörspielen sowie Urheberin eines Grammatik-Brettspiels. Der literarische Durchbruch gelang ihr mit dem Erzählband „Pong“, der 1998 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis geehrt wurde. Nach „Der höfliche Harald“, „Montgomery“ und „Consummatus“ erschien das Buch „Apostoloff“, ausgezeichnet mit dem Leipziger Buchpreis 2009. Lewitscharoffs schwarz-humoriger Familienroman, ein Roadtrip in die Vergangenheit und Geschichte Bulgariens, wurde in sämtlichen Feuilletons hoch gelobt. Für ihr „ungemein dichtes und originelles Prosawerk“ erhielt die Autorin in diesem Jahr den Berliner Literaturpreis, mit dem eine Berufung auf die Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik an der Freien Universität Berlin verbunden ist.

Heimat – Moledet: „Heimat bedeutet für mich Stuttgart-Degerloch. Da gibt es nichts zu verklären, aber viel zu erkunden.“

Foto: Edith Siepmann

Detlef Kuhlbrodt

Detlef Kuhlbrodt, geboren 1961 in Bad Segeberg, studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Philosophie und Religionswissenschaft. Seit den achtziger Jahren arbeitet er als freier Journalist für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. 2007 erschien der Band „Morgens leicht, später laut. Singles“, eine Sammlung von Texten, die zwischen 2001 und 2007 in der taz publiziert worden sind. In seinen „Berliner Szenen“ schildert Kuhlbrodt Alltagsbeobachtungen und kuriose Szenen, wie sie etwa durch die Begegnung von Männern in Hasenkostümen, dem Verlust des Portemonnaies oder dem Tod eines Maulwurfs hervorgerufen werden. Jeder seiner Alltagsentwürfe lebt von einer äußerst reduzierten Sprache. „Ich fühle mich als Dokumentarist. Ich war irgendwo und schrieb dann was auf. Alles sollte wirklich und nichts erfunden sein“, so Detlef Kuhlbrodt. Mit dem Ben Witter Preis wurde der Autor 2008 geehrt, „die klassische Kunst des Feuilletons neu belebt zu haben“.

Heimat – Moledet: „I can't relax at home.“

Foto: Joachim Zimmermann / Suhrkamp Verlag

Elisabeth Rank

Elisabeth Rank wurde 1984 in Berlin geboren, wo sie Publizistik, Kommunikationswissenschaft und Europäische Ethnologie studierte. Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit arbeitet sie derzeit als Online-Konzepterin in einer Kommunikationsagentur. Ihre Hauptaufenthalte sind Hamburg und Berlin wie auch die Welt des Internets. Regelmäßig schreibt sie in mehreren Portalen und hat sich als Blog-Autorin einen Namen gemacht. Ihr literarisches Erstlingswerk, die Roadstory „Und im Zweifel für Dich selbst“, erschien Anfang 2010 und wurde von der Kritik bereits als Generationenporträt gefeiert. Präzise berichtet der Roman von der ersten echten Lebenskrise im Erwachsenenleben zweier Freundinnen, die durch den plötzlichen Tod eines Freundes ausgelöst wurde. 

Heimat – Moledet: „Heimat hat nichts mit einer kleinen Melancholie zu tun, das ist das breite Grinsen, wenn man weiß, dass man sich nicht verliert. Egal, was und wie viel und wer kommt. Mir genügen schon Bruchstücke an Erinnerung und alles baut sich wieder auf. Das geht nicht weg.“

Foto: Katharina Behling

Jenny Erpenbeck

Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Ost-Berlin geboren. Nach einer Buchbinderlehre und Tätigkeiten als Requisiteurin an der Staatsoper Berlin studierte sie Theaterwissenschaft sowie Musiktheaterregie. Ab 1991 arbeitete sie als Regieassistentin und inszenierte danach Aufführungen für Oper und Musiktheater in Berlin und Graz. Ihr Prosa-Debüt „Geschichte vom alten Kind" (1999) war ein sensationeller Erfolg, für das sie mehrere Stipendien und die Empfehlung des Aspekte-Literaturpreises erhielt. 2001 folgte der Erzählband „Tand“, 2005 der Roman „Wörterbuch“. Mit „Heimsuchung“ (2008) legte sie erneut einen von der Kritik vielfach gelobten Roman vor, der neben der deutschen Vergangenheit zugleich auch die Geschichte einer ostdeutschen Landschaft literarisch aufgreift. Erpenbecks Bücher sind in vierzehn Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Heimito-von-Doderer-Literaturpreis. 

Heimat – Moledet: „Heimat, denke ich, ist der Ort und die Welt, wo man die Zeit verbracht hat, in der man noch nicht wusste, dass Zeit etwas ist, das abläuft.“

Foto: Evgeny Tsikanovski

Ayman Sikseck

Ayman Sikseck, 1984 in Israel geboren, arbeitet als Literaturkritiker und studiert Vergleichende Literaturwissenschaft an der Jerusalemer Hebrew University. In seinen bisherigen Prosatexten, Gedichten und Artikeln setzt sich der palästinensische Israeli vor allem mit dem Leben der arabischen Minderheit in Israel und deren Identität auseinander. So auch in der Anthologie „The Palestinian Nakba in Hebrew Poetry, 1948-1958“, die er als Mitherausgeber 2009 veröffentlichte. 2010 erschien sein erster Roman „To Jaffa“, der das zerrissene Leben eines palästinensischen Israeli zwischen Tel Aviv-Yaffo und Jerusalem schildert. Der Roman ging aus mehreren Short Stories hervor, die u.a. vom Ha’aretz-Kurzgeschichtenwettbewerb ausgezeichnet wurden.

Heimat – Moledet: „Meine Heimat ist nicht für mich da, sondern: ICH BIN für meine Heimat da. Ich existiere für sie, wenn ich schreibe, in meinen Träumen und in den Erinnerungen an meine Vorfahren. ICH BIN für meine Heimat und für die Menschen meiner Heimat da, und zusammen teilen wir die Hoffnung, dass unsere Heimat eines Tages für uns da SEIN wird.“

Foto: Yoav Fried

Anat Einhar

Anat Einhar, 1970 in Petach Tikva, Israel, geboren, studierte an der renommierten Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem. Gegenwärtig arbeitet sie als Designerin, Illustratorin und Comic-Künstlerin, u.a. für die Webseite Walla! Ihr in Israel viel besprochenes Debüt „Summer Predators“, eine Sammlung von Kurzgeschichten, erschien 2008 und wurde im selben Jahr mit dem Wiener Award ausgezeichnet. Anat Einahr lebt in Tel Aviv.

Heimat – Moledet:

„Das Wort Moledet (Heimat) hat als israelischer Kulturbegriff keinen bedeutenden Ort mehr. Es kommt im politischen Diskurs nicht vor - weder in linken noch in rechten Positionen. (Moledet, eine 1988 gegründete rechtskonservative Partei, die den ‚freiwilligen Transfer’ von Palästinensern aus israelischem Territorium forderte, ging schon vor langem in einer anderen bedeutungslosen Rechtspartei auf.) Anscheinend existiert die Umgebung, in der das Wort wuchs und seinen Widerhall fand – eine Welt fester, kollektiver zionistischer Werte - nicht mehr. Es ist zusammen mit ähnlichen Wörtern aus der öffentlichen Aufmerksamkeit heraus gefallen.

Wenn ich darauf bestehe, das Wort Moledet von seinem Kontext zu trennen, engt es sich auf die Grenzen meiner Heimatstadt Petach Tikva ein, eine Stadt, die 1878 als eine der ersten landwirtschaftlichen Siedlungen im Land Israel gegründet wurde. Die lebhaften Erinnerungen, die ich von ihr in mir trage, werden stärker wie ich älter werde. Die tatsächliche Landschaft hat sich aber durch Neubauten und Erschließungen in Israels Zentralbezirk bis zur Unkenntlichkeit verändert, und auch die Bevölkerung verändert sich. Seitdem ich nun mehr als zehn Jahre Bürgerin von Tel Aviv bin, gibt es für mich in meiner Heimatstadt nichts mehr zu entdecken, und mein eigenes Moledet hat aufgehört zu existieren.“

Foto: Yasmin Aviva Klein

Shimon Adaf

Shimon Adaf wurde 1972 in Sderot, Israel, als Sohn marokkanischstämmiger Eltern geboren. Während seines Wehrdienstes begann er, erste Gedichte zu publizieren. Von 1996 bis 2000 studierte er an der Universität von Tel Aviv, wo er sich als Liedtexter und Gitarrist der Rockband Ha-Atsula anschloss. Gleichzeitig gründete er den Literaturclub ev, dessen Ziel es ist, dichterische Schnittstellen zwischen klassischem und modernen Hebräisch zu finden. Adaf veröffentlichte bislang mehrere Gedichtbände und drei Romane, von denen zuletzt „Sunburnt Faces“ erschienen ist. In dem in Israel gefeierten Buch erzählt Adaf von den zwei sich offenbar ausschließenden Leben einer Frau: zunächst während ihrer Kindheit in der Wüstenstadt Netivot, dann in Tel Aviv als Ehefrau und erfolgreiche Jugendbuchautorin, die sich nicht mehr ihrer Herkunft erinnern will. Shimon Adaf erhielt 2007 den renommierten Prime Minister’s Prize, 2010 den Amichai Award. 

Heimat – Moledet: „Heimat ist für mich die hebräische Sprache, mit ihrem zärtlichen Gemurmel der Gebete und harschen Poesie der Propheten; und Heimat ist mir das Essen meiner Mutter.“

Foto: Schöffling & Co.

Nir Baram

Nir Baram, geboren 1977 in Jerusalem, stammt aus einer Politikerfamilie und setzt sich aktiv für die Gleichberechtigung der Palästinenser und für Frieden in Israel ein. „Der Wiederträumer“ ist sein dritter Roman und ebenso wie schon sein Erstlingswerk „Purple Love Story“ in Israel ein Bestseller. 2007 stand das Buch auf der Shortlist des Sapir-Prize, des wichtigsten israelischen Literaturpreises. Barams Roman, der einen sintflutartigen Untergang der Stadt Tel Aviv schildert und gleichermaßen ein bitteres Gesellschaftspanorama zeichnet, war in israelischen Medien über Monate hinweg Gegenstand einer äußerst kontroversen Debatte. 

Heimat – Moledet: „Ein Ort, den man sich nicht ausgesucht hat und für immer Teil der Seele sein wird. Ein Ort, der einem niemals gleichgültig sein wird und den man stets zu verändern versucht, ganz gleich, wie gering die Möglichkeiten sind.“

Fania Oz-Salzberger

Fania Oz-Salzberger, geboren 1960 im Kibbuz Hulda, lehrt Geschichte an der Universität von Haifa und Modern Israel Studies an der Monash University in Melbourne. Ihre Erzählung „Die Schramme“ wurde 1999 mit dem ersten Preis des Ha’aretz-Kurzgeschichtenwettbewerbs ausgezeichnet. Zur selben Zeit forschte sie als Fellow des Wissenschaftskollegs in Berlin. Aus dem einjährigen Aufenthalt ging ihr Buch „Israelis in Berlin“ hervor, das monatelang auf der israelischen Bestsellerliste stand. 2005 erschien der Essayband „Das jüdische Erbe Europas“, den sie als Koeditorin herausgab. Derzeit lehrt Oz-Salzberger im Rahmen einer Gastdozentur an der Princeton University.

Heimat – Moledet: „Heimat ist für mich ein kleines Bücherregal, das 1960 in einem winzigen Klassenzimmer im Kibbutz Hulda bei einem Fenster stand. Es gab Bücher von Leah Goldber, Erich Kästner, Natan Alterman und Leo Tolstoi, sie waren billig und zerlesen, und das Fenster eröffnete den Blick auf Felder und eine Zypresse.“

Avirama Golan

Avirama Golan wurde 1950 in Israel geboren. Sie studierte Literaturwissenschaften an der Universität Tel Aviv, später Französische Literaturwissenschaft in Paris. Als Korrespondentin und Redakteurin arbeitete sie für die Tageszeitung Davar, bevor sie 1991 zur Zeitung Ha’aretz wechselte, wo sie verantwortliche Redakteurin und Mitherausgeberin ist. Seit 1999 moderiert sie ein wöchentliches Literaturmagazin bei dem Fernsehsender Channel 2 TV. Golan hat zwei Romane, ein Sachbuch und vier Kinderbücher veröffentlicht. Zudem hat sie zahlreiche Kinderbücher übersetzt und Drehbücher für das Fernsehen verfasst. Beide ihrer Romane waren Bestseller in Israel. Für ihren ersten Roman, „Die Raben“, erhielt sie 2005 den Book Publishers Association’s Gold Book Prize. 

Heimat – Moledet:

„Heimat (Moledet) ist das erste Wort, das ich in meiner Muttersprache Hebräisch gesagt habe. Heimat ist auch das Wort, das meine Enkelin, die nach meiner Mutter benannt ist, momentan murmelt. Wenn ich sie höre, ist Heimat ein Gefühl der Hoffnung, dass sie eines Tages jene Worte, die viel schöner als Musik sind, in genau diesem Haus aus dem Mund ihrer Enkelin hören wird.

Heimat ist aber auch die Angst, die mich mehr und mehr bedrückt, die mir ins Ohr flüstert, dass das alte Schicksal des jüdischen Volkes die neue Geschichte des israelischen Staates überwältigen könnte. Dass all diese Schönheit vergehen und die beruhigende Normalität ein weiteres Mal verschwinden wird.“

Zafer Şenocak

Zafer Şenocak, 1961 in Ankara geboren, wuchs in Istanbul und München auf und lebt seit 1989 in Berlin. Er schreibt Bücher in deutscher und türkischer Sprache sowie essayistische Beiträge für Zeitungen und Rundfunk, u.a. für Die Welt, taz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Deutschlandradio und WDR. In den 1980er Jahren debütierte er mit Gedichten, für die er 1984 mit dem Literaturstipendium der Stadt München ausgezeichnet wurde. Weitere Gedichtbände, seine vielbeachteten Essaybände und vier Romane erschienen ab den 1990er Jahren. Seit 2004 publiziert Şenocak auch auf Türkisch. 2007 veröffentlichte er seinen ersten auf Türkisch geschriebener Roman „Köşk“ („Der Pavillon“), der zwei Jahre später in der deutschen Übersetzung erschien. Zafer Şenocak war ‚writer in residence’ an verschiedenen renommierten amerikanischen Universitäten. Ein Portraitbuch über den Autor erschien 2003 in Großbritannien in der Reihe ‚Contemporary German Writers’. Şenocak Werke sind inzwischen in über ein Dutzend Sprachen übersetzt.  

Heimat – Moledet:
„Der Körper ist die einzige Heimat, die der Mensch hat“, behauptete Heinrich kategorisch.
Ich widersprach ihm. „Die Sprache ist wesentlich wichtiger. Nur in ihr kann man sich einrichten.“
„Die Sprache entfremdet den Menschen sich selbst“, argumentierte er. „Der Mensch ist ein namenloses Wesen.“ (aus: Zafer Şenocak, „Gefährliche Verwandtschaft“)

Interview mit Zafer Şenocak

Foto: Alberto Novelli

Terézia Mora

Terézia Mora wurde 1971 in Sopron, Ungarn, geboren. Sie lebt seit 1990 in Berlin und zählt zu den renommiertesten Übersetzerinnen aus dem Ungarischen. Mit dem Erzählband „Seltsame Materie“ gelang ihr 1999 ein von der Kritik viel beachtetes Debüt. 2004 erschien der Roman „Alle Tage“, für den sie u.a. mit dem Mara-Cassens-Preis, dem Kunstpreis Berlin und dem Leipziger Buchpreis geehrt wurde. „Der einzige Mann auf dem Kontinent“, Moras drittes Buch, wurde 2009 veröffentlicht und für den Deutschen Buchpreis nominiert. Der Gegenwartsroman schildert sieben Tage aus dem Leben eines IT-Verkäufers, der selbst zu Zeiten globaler Wirtschaftskrisen fest daran glaubt, in der besten aller Welten zu leben, auch wenn sein Leben und die Welt um ihn herum längst in Stücke zerbricht. Für ihr literarisches Werk und ihre Tätigkeit als Übersetzerin erhielt Terézia Mora in diesem Jahr den Adelbert-von-Chamisso-Preis.

Heimat – Moledet
"Heimat ist für mich ..., um es mit den Worten der Dichterin Zsófia Balla zu sagen: ‚Das, wie ich lebe’. Was nichts weniger bedeutet, dass man Heimat nicht mit Vaterland verwechseln sollte. Letzteres ist unabänderbar. Heimat ist eine persönliche, eine innere Angelegenheit.“