„Guck mal, ein Kosmopolit“

Ayman Sikseck und Jenny Erpenbeck. Bild: Joachim Loch CC-BY-SA

1. Juni 2010
Von Jan Engelmann
Von Jan Engelmann

„Heimat ist mir das Essen meiner Mutter“, sagt Shimon Adaf, Sohn marokkanischer Einwanderer nach Israel. Wie viele Menschen, die ihren Herkunftsort verließen, verbindet er dieses unbestimmte Gefühl mit einer Sehnsucht nach Geborgenheit und Vertrautheit. Das hebräische Wort für Heimat, moledet, würde er jedoch niemals in den Mund nehmen. Zu politisch kontaminiert ist dieser Begriff, der 1988 namensgebend war für eine rechtskonservative Partei in Israel, die den „freiwilligen Transfer“ von Palästinensern aus den besetzten Gebieten forderte. Heimat, ein toxischer Begriff also, auf den man tunlichst verzichten sollte?

Bei den 3. deutsch-israelischen Literaturtagen in Berlin, die die Heinrich-Böll-Stiftung zusammen mit dem Goethe-Institut austrug, ging es darum, dieses sperrige, unbequeme Wort einem aktuellen Gebrauchstest zu unterziehen – gerade eingedenk der historischen Last, die er angesichts von jüdischer Diaspora, dem Zivilisationsbruch der Shoa und den Territorialkonflikten im Nahen Osten mit sich herumschleppt.

In seiner Eröffnungsrede in der Villa Elisabeth erinnerte Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, an die chronischen Schwierigkeiten zwischen Deutschen und Israelis, sich einem gegenseitigen Verständnis anzunähern. So sei Israel „Teil einer Region, die nach anderen Regeln tickt, in der Religion, Ethnizität, territoriale Souveränität, bewaffnete Selbstbehauptung und militärische Abschreckung eine andere Bedeutung haben als in unserer mehr oder weniger postnationalen, befriedeten Situation.“ Hier wie dort existierten jedoch zwei grundsätzliche Lesarten des Begriffs Heimat: einmal jene, die eher „das Dumpfe, Enge, Ausschließende, Intolerante und Aggressive“ betont, andererseits auch eine utopische, die gerade auf Austausch mit der Welt setze, um das Eigene zu erkennen.

Bild: © Joachim Loch
v.l.n.r.: Knut Elstermann, Fania Oz-Salzberger, Avirama Golan, Terézia Mora, Sybille Lewitscharoff

Found in translation?

Auf den zumeist paarweise besetzten Panels wurde schnell deutlich, dass die individuelle Heimatsuche nicht mit der oftmals verheerenden kollektiven Indienstnahme des Begriffs verwechselt werden darf. Die israelische Historikerin Fania Oz-Salzberger bekannte sich zum zionistischen Traum und dem Gemeinschaftsdenken der Kibbutz-Bewegung. Dabei riet sie jedoch dazu, „die Heimat nicht zum Vaterland zu machen“. Wenn es so etwas wie eine zeitgenössische Leitidee der Beheimatung geben sollte, dann wäre es vielmehr das existenzielle Dazwischen-Sein, ein „Found in Translation“, das mitnichten nur Verlust bedeute.

In dieser Idee konnten sich die gebürtige Ungarin Terézia Mora, die zunächst als Übersetzerin einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, wie auch ihre deutsche Schriftstellerkollegin Sybille Lewitscharoff gut wiederfinden. Aufgewachsen in Stuttgart-Degerloch, bedeutet Heimat für Lewitscharoff zunächst den Dreiklang von Haus, Garten und pietistischer Großmutter. Anhand ihres argentinischen Ehemannes habe sie jedoch ein Gefühl dafür entwickelt, dass die jeweiligen Sehnsuchtsorte in der Ferne liegen können. So verwiesen die Bewohner von Buenos Aires fast zwanghaft auf ihre jeweiligen familiären Verbindungen zu Europa.

Nun gibt es auch in Israel, bedingt durch den steten Zuzug von Einwanderern und den ethnischen Mix der Bevölkerung, ein hohes Bewusstsein für den Abstand zwischen erster und zweiter Heimat. So hat sich etwa die russische Community, die fast ein Siebtel der Gesamtbevölkerung Israels stellt, Medien und digitale Netzwerke geschaffen, die den Kontakt zu den ehemaligen GUS-Staaten nicht abreißen lassen. Schleichend hat sich so das Russische zur vierten offiziellen Sprache Israels, neben Hebräisch, Arabisch und Englisch etabliert. Auch in Anat Einhars Erzählband „Summer Predators“, aus dem sie in den Sophiensaelen einige Passagen las, spielt das spannungsreiche Aufeinandertreffen von Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen im urbanen, spannungsreichen Setting von Tel Aviv eine zentrale Rolle.

Der gebürtige Istanbuler und Wahlberliner Zafer Şenocak betonte ebenso die Bedeutung der Sprache als Moment der Geborgenheit und Identitätsstiftung. Er erzählte von seiner Ankunft im München der siebziger Jahre und seiner persönlichen „Kopfsprache“, die mit nationalen Grenzziehungen nicht korrespondiere. Insbesondere für Schriftsteller sei es spannend, aus einem gemischt-kulturellen Kontext heraus „die richtigen Frequenzen zu finden“. Künftig müsse es jedoch stärker darum gehen, die Idee von Heimat von ihrer ethnischen oder territorialen Engführung zu lösen. Wie schön wäre es, mutmaßte Şenocak, auf der Straße sagen zu können: „Guck mal, ein Kosmopolit geht vorbei.“

„Man ist etwas Unklares“

Der palästinensische Israeli Ayman Sikseck, Jahrgang 1984, wechselt im Alltag spielend die Welten. Im privaten Rahmen spricht er durchweg arabisch, während er seine Texte auf Hebräisch verfasst. Beim Panel „Fremd im eigenen Land“ berichtete er über die peniblen Befragungen und Sicherheitschecks, denen er auch auf seinem Flug nach Berlin ausgesetzt war, während seine jüdischen Berufskollegen vollkommen unbehelligt blieben. „Man ist etwas Unklares“, sagte Sikzeck mit einem Lächeln, verwies aber auch auf die gemeinsame Suche nach einer neu definierten Identität, die ihn etwa mit arabischstämmigen Autoren wie Sayed Kashua verbinde.

Nir Baram, erfolgreicher Spross aus einer prominenten linken Politikerfamilie, gibt mit seinem apokalyptischen Roman „Der Wiederträumer“ politischen Interpretationen ständig neue Nahrung. Auf der Abschlussmatinee der Literaturtage bestand er jedoch auf einer klaren Rollenteilung zwischen künstlerischer Produktion und gesellschaftlichem Engagement. Im Hinblick auf die gegenwärtige Situation Israels forderte er, dass sich die Linke schon angesichts der demographischen Entwicklung für ein erneuertes Staats- und Bürgerschaftsverständnis stark machen müsse. Die Frage einer zeitgemäßen „Politik der Heimat“ wurde in der Zusatzveranstaltung „Status, quo vadis“ anschließend vertieft.

Der palästinensische Rechtswissenschaftler Yousef Jabareen und die Haaretz-Publizistin Avirama Golan, die ebenfalls als Schriftstellerin hervorgetreten ist, sprachen über das Gefühl einer zunehmenden Entsolidarisierung, welche die israelische Gesellschaft erfasst habe. Im Hinblick auf die Siedler und deren Abschottung gegenüber kritischen Stimmen sprach Golan gar von einer „proto-faschistischen“ Tonlage, die sie am Projekt einer inklusiven Einwanderungsgesellschaft zunehmend zweifeln lasse. Jabareen kritisierte vor allem die Serie jene Gesetzesinitiativen (etwa zum Gedenkverbot im Zusammenhang mit der palästinensischen „Nakba“ oder den Nachzug von Familienmitgliedern), die eine „Demokratie für die Juden und einen jüdischen Staat für Araber“ entstünden lasse.

Nur wenige Stunden, nachdem Avirama Golan ihre Heimat als eine „fragile Gesellschaft der Gefahr“ beschrieben hatte, stürmten israelische Elitesoldaten kurz vor Aschdod einen Schiffskonvoi pro-palästinensischer Aktivisten. Ein Einsatz, der mehrereTodesopfer forderte und nicht nur die arabische Welt gegen Israel aufbrachte. Psychosoziale Fragen nach Zugehörigkeit und kultureller Identität werden unter solchen Bedingungen zwangsläufig politisiert. Manchmal ähneln sie eher an eine „Heimsuchung“, wie es der gleichnamige Buchtitel von Jenny Erpenbeck andeutet.

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