Glyphosat: Krebserregend und bald verboten?

Hintergrund

Kaum ein anderer Pestizidwirkstoff hat so einen Siegeszug am globalen Markt hingelegt wie Glyphosat. Inzwischen ist es eines der am meisten verkauften Unkrautvernichtungsmittel der Welt. Aber wie gefährlich ist Glyphosat?

Pestizidatlas Infografik: Durch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im Studiendarstellungsteil seines Glyphosat-Berichts von 2015 aus Industriestudien übernommene Textstellen und die Bewertung von Glyphosat in Studien

Definition: Was ist Glyphosat eigentlich?

Glyphosat ist ein Totalherbizid. Das heißt, es tötet alle Pflanzen auf dem Acker. Kaum ein anderer Pestizidwirkstoff hat so einen Siegeszug am globalen Markt hingelegt wie Glyphosat. Inzwischen ist es eines der am meisten verkauften Unkrautvernichtungsmittel der Welt. Knapp 80 Prozent der weltweit genutzten Unkrautvernichtungsmittel enthalten Glyphosat.

Ursprünglich auf den Markt gebracht wurde es unter dem Namen Roundup im Jahr 1974 von dem heute von Bayer aufgekauften Agrarkonzern Monsanto. Glyphosat tötet alle Pflanzen auf dem Acker. Außer – die Pflanze ist resistent gegen das Gift. Und diese Lösung präsentierte Monsanto dann 1996: Unter dem Markennamen „roundup ready“ wurden gentechnisch veränderte Pflanzen auf den Markt gebracht, die durch die gentechnische Veränderung eine Glyphosat-Resistenz aufweisen. Das heißt, die Felder können auch während des Aufwuchses der Pflanzen mit Glyphosat gespritzt werden. Alle anderen Pflanzen auf dem Feld sterben ab – nur die gentechnisch veränderte Sojapflanze bleibt stehen. So werden jegliche Konkurrenzen zwischen den Pflanzen vermieden und alle Nährstoffe stehen nur den Sojapflanzen zur Verfügung.

Mit dem Boom der Fleischindustrie ist auch die Nutzung von Roundup und Roundup ready explodiert. Inzwischen werden weltweit mehr als 110 Millionen Hektar Land mit Soja bebaut. Der größte Teil des Saatgutes ist gentechnisch modifiziert und unter intensivster und stark von Jahr zu Jahr zunehmender Nutzung von Glyphosat. Zwischen 1990 und 2019 ist der Einsatz von Herbiziden (und das ist vor allem Glyphosat) in Brasilien, einem der größten Sojaproduzenten der Welt um mehr als 900 Prozent gestiegen.

1. Ist Glyphosat krebserregend?

Zur Frage, ob Glyphosat krebserregend ist, gibt es zwei widersprüchliche Antworten. Einmal die Antwort der WHO-Krebsforschungsagentur (IARC), die klare Hinweise auf eine „wahrscheinlich krebserregende Wirkung“ sieht und dann die Hersteller sowie die zuständigen EU- und deutschen Behörden, die zu der Bewertung kommen, dass Glyphosat unbedenklich sei.

Vier der zwölf Krebsstudien, die damals von den EU-Behörden als Belege für die Unbedenklichkeit von Glyphosat herangezogen worden waren, wurden durch die IARC geprüft. Die Krebsforscher der WHO erkannten darin das genaue Gegenteil, nämlich „hinreichende Beweise für die Karzinogenität in Tierstudien“. Wie sich herausstellte, wurden in allen Hersteller-Krebsstudien statistisch signifikante Tumorbefunde übersehen oder ignoriert – laut den geltenden Regeln genügen zwei voneinander unabhängige Studien mit positiven Krebsbefunden, um eine Substanz als krebserregend einzustufen. Warum das Pestizid dennoch auf dem Markt ist, hat unser Podcast zur Causa Glyphosat aufgearbeitet. Zu dessen Wiederzulassungsverfahren und der fragwürdigen Einschätzung der EU-Behörden gehen wir zudem im Artikel „Copy & Paste“ aus dem Pestizidatlas ein.

Bayer ist zudem derzeit mit vielen Klagen konfrontiert, bei denen es um Abfindungen aufgrund von Tumorbefunden in Folge von Glyphosatanwendungen geht.

2. Macht Glyphosat krank?

Gefahren für unseren Körper hängen davon ab, wie wir dem Wirkstoff ausgesetzt sind. Die schwersten Verläufe gibt es in Südamerika, wenn das Mittel großflächig aus Flugzeugen gespritzt wird, ohne dass sichergestellt wird, dass sich keine Menschen im Bereich der Austragung befinden. Die Auswirkungen bei direktem Kontakt können akuten Vergiftungssymptomen entsprechen: das heißt Kopfschmerzen, Schwindel, Hautausschlag und Atemwegsreizung.

Insgesamt sind Vergiftungen im Globalen Süden deutlich häufiger, weil die Menschen dort schlechter vor Pestiziden geschützt sind – als Anwender*innen, denen ausreichende Informationen und Schutzausrüstungen fehlen, oder eben als Anwohner*innen, die sich gegen großflächige Ausbringungen u.a. durch die Luft nicht schützen können.

Auffällig ist, dass auch in Deutschland fast jede und jeder Glyphosat in seinem Urin hat. Das zeigte eine Studie in Deutschland aus dem Jahr 2015. Dennoch wird der Pestizideinsatz nicht verringert, stattdessen ist ein Trend zu immer giftigeren Pestiziden zu erkennen.

3. Wo findet sich Glyphosat in Lebensmitteln?

Man findet Glyphosat in vielen Lebensmitteln. In Bier, in Brot, im Honig und vielem mehr. Allerdings sind überall nur Spuren des Wirkstoffs zu finden. Insofern muss in Deutschland wegen Glyphosatbelastungen Niemand Sorge haben, Brot zu essen oder ein Bier zu trinken. Am umfassendsten angewendet wird es jedoch bei der Produktion von Futtermitteln – vor allem im Sojaanbau.

In Industrieländern mit eher strengen Kontrollen sind die negativen Auswirkungen auf die Umwelt insofern bedeutender als die Belastungen von Lebensmitteln. Dadurch, dass Glyphosat alle Pflanzen tötet bedroht es die biologische Vielfalt und die Lebensräume von Insekten. Sie finden schlicht keine Nahrung mehr, da Blühpflanzen fehlen.

4. Ist Glyphosat verboten?

Glyphosat ist trotz der langjährigen Erkenntnis über die negativen Auswirkungen noch immer nicht verboten. Nicht in Deutschland oder der EU und auch nicht weltweit.

Ein Lichtblick: im Koalitionsvertrag steht, dass das Mittel Ende 2023 in Deutschland keine Zulassung mehr erhalten soll.

Auf der Ebene der EU wird es Ende 2022 neu bewertet. Es bleibt zu hoffen, dass die EU und deutschen Behörden einen eigenen und kritischen Blick auf die Studien werfen und dem Wirkstoff keine neue Zulassung erteilen.

In den letzten Zulassungsverfahren stellte sich heraus, dass die deutschen und EU-Behörden sehr große Teile ihrer Bewertungen schlicht aus den Studien der Antragsteller herauskopiert hatten. Die Behörden haben also gar keine eigenständige Bewertung durchgeführt – eine sagenhafte Leistung der Lobbyarbeit der großen Agrarchemiekonzerne.

5. Gibt es Alternativen zu Glyphosat?

Es gibt zu Glyphosat jede Menge Alternativen. Der ökologische Landbau zeigt es ja weltweit: es geht auch ohne. Dafür braucht man bessere und weitere Fruchtfolgen – das heißt, es darf nicht immer dieselbe Frucht auf dem Acker angebaut werden, sondern die Abwechslung und auch die Zwischenfrüchte müssen so ausgewählt sein, dass Beikräuter reduziert werden.

Im Weinbau zum Beispiel zeigen Bauern, wie man mit bodenbedeckenden Untersaaten unter den Reben störende Unkräuter vermeiden kann.

Insgesamt sind aber eine etwas größere Zahl an blühenden Beikräutern auch auf dem Acker wünschenswert und notwendig. Denn sie bieten Nahrung für Insekten, die sie dringend brauchen - auch weil sie Bestäubungsleistungen in unkalkulierbaren Wert liefern: Nützlinge, natürliche Helfer im Pflanzenschutz.

Cover des Pestizidatlas 2022

Der Pestizidatlas 2022

Der Pestizidatlas zeigt in 19 Kapiteln Daten und Fakten rund um die bisherigen und aktuellsten Entwicklungen, Zusammenhänge und Folgen des weltweiten Pestizidhandels und Einsatzes von Pestiziden in der Landwirtschaft.

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