Torfabbau und Klimakrise: Ein fossiler Rohstoff aus dem Moor

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Moorböden bestehen aus Torf. Seit Jahrhunderten wird er abgebaut – er landet als Energieträger in Kraftwerken oder als Erde im Blumentopf. Das schadet der Umwelt, doch nachhaltige Alternativen werden sich nur durchsetzen, wenn die Politik handelt.
 

Mooratlas Infografik: Internationaler Handel mit Torf und Torfprodukten, in 1.000 Tonnen
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Weltweit blüht der Handel mit Torf. Zerstört wird dadurch ein elementar wichtiger Kohlenstoffspeicher

Die Brenntemperatur von Torf ist im Gegensatz zu Holz oder Kohle gut regulierbar und gleichbleibend: Bereits in der Bronzezeit vor über 4.000 Jahren wurde er als Brennstoff genutzt. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Torf wegen der Verknappung von Holz zum wichtigsten Energieträger Norddeutschlands. Bis heute wird Torf für die Erzeugung von Strom und Wärme verwendet, insbesondere in Finnland, Irland und Belarus. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Nutzung von Torf als Rohstoff für Pflanzensubstrate im Gartenbau entwickelt. Besonders Torf aus Torfmoosen bietet zahlreiche vorteilhafte Eigenschaften für die Anwendung im Gartenbau. Da er viele Poren besitzt, kann er Luft und Wasser speichern und bei Bedarf abgeben. Dabei hat er auch eine stabile Struktur, was etwa bei der Gemüseaufzucht hilfreich ist. Gleichzeitig enthält Torfmoos-Torf kaum Nährstoffe, keine Schadstoffe oder Krankheitserreger.

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Der Mooratlas 2023

Der Mooratlas beleuchtet in 19 Kapiteln die Folgen der Zerstörung dieser einzigartigen Lebensräume und zeigt die Chancen nasser Moore und ihrer Nutzung für die Gesellschaft auf, um alle Akteur*innen zum Handeln zu ermutigen – „Moor muss nass“!

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In deutlich kleineren Mengen wird Torf auch für weitere Zwecke verwendet. Torf kann Flüssigkeiten schnell aufsaugen, weshalb er als Einstreu bei der Tierhaltung in der Landwirtschaft und für Windeln verwendet wird. Da Torf hormonähnliche Substanzen und Huminsäuren enthält und gegen Bakterien, Viren und Entzündungen wirkt, gilt er als Naturheilmittel und wird bis heute in Moorbädern und Moorpackungen genutzt. Als Isoliermaterial eignet sich getrockneter Torf wegen der vielen Luft, die er enthalten kann. In der Landwirtschaft wird Torf eingesetzt, um Böden zu verbessern, aufzulockern und mit Humus anzureichern. Des Weiteren wird Torf als Rohstoff genutzt, um Aktivkohle herzustellen, die als Bindemittel in der Industrie eingesetzt werden kann. Zudem können Textilien aus Torffasern hergestellt werden – so nennt man die Blattscheiden der Moorpflanze Scheidiges Wollgras. Sie werden bei der Aufbereitung von Torf für den Gartenbau ausgesiebt. Auch als Geschmacksgeber eignet sich Torf: Bei der Herstellung von Whisky wird Gerste beim Mälzen langsam über einem schwelenden Torffeuer getrocknet, was seinen weltberühmten, typisch rauchigen Geschmack ergibt.

Mooratlas Infografik: Durchschnittlich gespeicherter Kohlenstoff in Moorböden im Verhältnis zu Wald
Gute torffreie Blumenerde gibt es im Baumarkt. Würde ausschließlich diese verwendet, könnte man in Deutschland 400.000 Tonnen CO₂ pro Jahr einsparen

Das weltweite Vorkommen von Torf wird auf bis zu 13,8 Billionen Kubikmeter geschätzt. Weltweit werden davon jedes Jahr circa 24 Millionen Tonnen abgebaut – 83 Prozent davon alleine in Europa. Bis 2017 wurde mehr als die Hälfte des abgebauten Torfs als Energieträger verwendet. Diese Zahl hat in den letzten Jahren jedoch deutlich abgenommen. Für die Produktion von Erden und Substraten werden weltweit pro Jahr circa 10,3 Millionen Tonnen beziehungsweise 41 Millionen Kubikmeter abgebaut. Während Torf als Energieträger in der Regel in dem Land verbraucht wird, in dem er auch abgebaut wurde, wird Torf, der für Gartenbau gedacht ist, international gehandelt, als Rohstoff und gemischt in Substraten. In Europa konzentriert sich der Abbau von Torf als Ausgangsstoff für Substrate auf das Baltikum, Deutschland, Skandinavien und Irland. Als größte Hersteller und Endverbraucher von torfbasierten Substraten gelten Deutschland und die Niederlande.

Mooratlas Infografik: Prognostizierte Torfabbaufläche in Niedersachsen, in 1.000 Hektar
Fast alle deutschen Torfabbauflächen befinden sich in Niedersachsen. Neue Abbaugenehmigungen sollen nicht mehr erteilt werden. Doch Importe steigen

In allen Moorböden sind mit rund 600 Milliarden Tonnen etwa ein Drittel der auf den Landflächen gebundenen Kohlenstoffvorräte enthalten. Durch Abbau und Verbrauch verursacht Torf in der Europäischen Union Treibhausgasemissionen in Höhe von circa 21,4 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten pro Jahr. Das entspricht etwa einem Sechstel der Gesamtemissionen aus Moorböden. Trotzdem verursacht der Abbau und die Verwendung von Torf im Vergleich zu allen anderen Moornutzungen die höchsten Emissionen pro Hektar, weil der Kohlenstoff bei Torfnutzung besonders schnell freigesetzt wird. Der Weltklimarat kategorisiert Torf als fossilen Rohstoff und mahnt: Angesichts der Klimakrise ist seine Verwendung nicht mehr zeitgemäß.

Mehrere Länder bereiten daher den Torfausstieg vor. Irland zum Beispiel möchte Abbau und Verwendung von Torf als Energieträger bis 2030 beenden. Finnland – der aktuell größte Verbraucher von Torfenergie in der EU – möchte die Nutzung bis zum Ende des Jahrzehnts um 50 Prozent reduzieren. Aufgrund der veränderten geopolitischen Lage seit dem Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine geraten diese Pläne jedoch in Gefahr: Mit Verweis auf Unsicherheiten bei der Energieversorgung haben finnische Konzerne angekündigt, den Abbau von Torf wieder aufzunehmen.

In mehreren europäischen Ländern wird im Rahmen der nationalen Klima- und Moorschutzpolitik die Torfnutzung auch im Gartenbaubereich in den Blick genommen. Deutschland zum Beispiel will auf Torf im Hobbygartenbau bis 2026 komplett verzichten und im Erwerbsgartenbau bis 2030 Torf weitgehend ersetzen. Dafür braucht es verstärkt Investitionen in die Erforschung und Produktion von Ersatzstoffen. Diese können beispielsweise aus nachwachsenden Rohstoffen wie Holzfasern, Rinde, Kompost oder Kokosfasern gewonnen werden – oder aus Biomasse, die in Paludikultur produziert wurde. So nennt man den nachhaltigen Anbau von Torfmoos oder Rohrkolben auf wiedervernässten Mooren. Bereits jetzt lässt sich in Europa eine steigende Nachfrage danach feststellen.