Schattenkonflikte in der Ägäis

Analyse

Während die Blicke der Welt auf den Krieg in der Ukraine gerichtet sind bahnt sich in der östlichen Ägäis bereits der nächste Konflikt an den Außengrenzen der EU an. Dabei sind die Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei weder neu noch politisch völlig irrational.

Darstellung der Insel Kos (İstanköy) durch den osmanischen Flottenadmiral und Kartographen Piri Reis in 1521
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Darstellung der Insel Kos (İstanköy) durch den osmanischen Flottenadmiral und Kartographen Piri Reis in 1521. Das Bild stammt aus dem Werk „Kitab-ı Bahriye II“, herausgegeben vom Kultusministerium der Türkei im Jahr 1988, S.496-497.

Die griechisch-türkischen Beziehungen zwischen außenpolitischer Eskalation und innenpolitischem Kalkül  

Wer das grundsätzliche Spannungsverhältnis zwischen Griechenland und der Türkei verstehen möchte, dem empfehle ich einen Blick in die Küche. So tobt – entgegen dem Ausspruch „Liebe geht durch den Magen“– zwischen beiden Ländern seit nunmehr Jahrzehnten ein inoffizieller Konflikt um die Herkunft einer allseits bekannten Süßspeise namens Baklava. Dieser insbesondere in Zeiten der sozialen Medien recht amüsante Disput um die Herkunft des gezuckerten Teiggebäcks scheint indes auch aus einer politischen Perspektive interessant, zumal sich hieran die grundsätzliche Paradoxie der griechisch-türkischen Beziehungen skizzieren lässt.

So fußen nahezu alle Auseinandersetzungen zwischen Athen und Ankara der vergangenen hundert Jahre auf divergierenden Besitzansprüchen. Ob diese über kulinarische, kulturelle oder wie zuletzt territoriale Fragen in der Ägäis konstruiert werden, ändert nichts an der Tatsache, dass es im Kern um Verteilungsfragen geht, die weitaus stärker auf Gemeinsamkeiten denn Unterschiede hinweisen. Umso mehr lohnt es sich – im Lichte der gegenwärtigen Konfrontation – eine Reflexion der historisch gewachsenen Verflechtungen als auch politischen Praktiken auf beiden Seiten der Ägäis vorzunehmen.

Die Rolle historischer Pfadabhängigkeiten

In seiner 1973 an der Universität Sorbonne eingereichten Doktorarbeit „Azgelişmişlik Sürecinde Türkiye“ (Die Türkei im Prozess der Rückständigkeit) skizziert der in Istanbul geborene Historiker Stefanos Yerasimos, dass die Eroberung Konstantinopels 1453 zwar das juristische Ende des Byzantinischen Reichs einläutet, die nahezu lückenlose Übernahme des Bürokratieapparats seitens der Osmanen jedoch eine de facto Kontinuität des oströmischen Staatswesens zur Folge hat. Symbolisch materialisiert sich dies am Herrschaftsanspruch Mehmet II., der von nun an den Titel Kayzeri-i Rum – also "Kaiser der Römer" – führt.

Bis zur Entstehung nationalistischer Strömungen im 19. Jahrhundert findet in diesem Zuge eine engmaschige Verwebung zwischen griechischer und türkischer Kultur statt. Während Konvertiten, wie Mesih Pascha – Neffe des letzten byzantinischen Kaisers Konstantin XI. – bis in die höchsten Ränge des Staatsapparats aufsteigen, vermengen sich im westlichen Anatolien und Rumelien griechische mit türkischen, persischen und arabischen Lebensweisen. Ausgehend von dieser Hybridisierung stellt im späten osmanischen Reich die Religionszugehörigkeit eines der letzten Differenzierungsmerkmale zwischen Griechen und Türken dar.[1]

Als mit dem Aufstand der hellenistischen Unabhängigkeitsbewegung 1821 das Ende der osmanischen Herrschaft über das heutige Griechenland eingeleitet wird, ist dies der Ausgangspunkt für den nachhaltigen Zerfall des einst multiethnischen Reiches. Ungeachtet dessen stellt die Unabhängigkeit Griechenlands 1829 aus osmanischer Perspektive einen sensiblen Verlust dar, welcher in der jungtürkischen Herrschaft ab 1908 durch anti-griechische Diskurse kompensiert wird. Im jungen Griechenland findet die Herleitung einer neuen nationalen Identität über die dezidierte Ablehnung der osmanischen Vergangenheit statt. Diese narrativen Brüche in beiden Kontexten sind es schlussendlich, die Möglichkeiten der Perzeption eines gemeinsamen Erbes in eine Erbfeindschaft verwandeln.

Die Griechisch-Türkische Schicksalsgemeinschaft

Spätestens mit dem Ende des Ersten Weltkrieges stehen sich Griechen und Türken endgültig als zwei politische Entitäten gegenüber. Aus der nunmehr zwischenstaatlichen Konfrontation resultiert jedoch auch eine neue Form der Schicksalsgemeinschaft. So ist die griechische Invasion Anatoliens 1919 nicht nur Ausgangspunkt für die Formierung der türkischen Nationalbewegung unter Mustafa Kemal, der Sieg über die das Königreich Griechenland ist auch ausschlaggebend für die spätere Konstituierung der modernen Republik Türkei. Für Griechenland ist die „kleinasiatische Katastrophe“ derweil Sinnbild des unumstößlichen Verlustes Konstantinopels und Impulsgeber für die politische Fokussierung auf das eigene Kernland.  

Wenngleich mit dem Waffenstillstandsabkommen von Mudanya am 11. Oktober 1922 und Vertrag von Lausanne am 24. Juli 1923 territoriale Fragen zwischen beiden Staaten weitestgehend geklärt werden können, existieren von Beginn an politische Streitpunkte. Eine zentrale Rolle nimmt hierbei die seit 1914 durch Großbritannien annektierte Insel Zypern ein. Nach dem Bevölkerungsaustausch von 1923, welcher die zwischenstaatliche Zwangsumsiedlung von fast zwei Millionen Menschen zur Folge hat, ist Zypern der letzte Ort, an dem beide Bevölkerungsgruppen weiterhin zusammenleben.   

Trotz der politischen Annäherungen zwischen Ankara und Athen im Zuge des aufziehenden Kalten Krieges (NATO-Betritt beider Länder 1952, Vertragspartner des Balkanpaktes 1954), ist die Zypern-Frage spätestens ab 1964[2] Grund für das Wiederaufflammen neuer Spannungen. Als am 15. Juli 1974 Befürworter des Anschlusses an Griechenland (Enosis) – gestützt durch die Militärjunta in Athen – die Regierung von Erzbischof Makarios III. stürzen, erfolgt nur fünf Tage später eine groß angelegte Militäroffensive Ankaras, woraus die bis heute anhaltende Teilung der Insel hervorgeht.

Die innenpolitische Kalkulation außenpolitischer Eskalationen   

Nach der militärischen Eskalation der Zypernkrise tritt eine Periode der – mehr oder minder – friedlichen Koexistenz ein. Ausschlaggebend hierfür sind allem voran politische Instabilitäten, die in diesen Jahren prägend für beide Ländern sind. Während die Türkei 1980 den wohl brutalsten Putsch ihrer Geschichte erlebt, fällt 1974 die Junta in Athen und eröffnet den Weg für die demokratische Transformation des Landes unter Ministerpräsident Karamanlis. Die bilaterale Ruhepause endet jedoch schlagartig, als am 25. Dezember 1995 ein türkisches Frachtschiff vor den Zwillingsinseln Imia (türkisch: Kardak) – unweit der Küste Bodrums – auf Grund läuft. Angefangen bei Streitigkeiten um die Bergung des Frachters, stehen sich knapp einen Monat später 15 griechische und 18 türkische Kriegsschiffe in den Gewässern um die 0,04 Quadratkilometer großen Inseln gegenüber. Erst nach Eingriff des damaligen US-Präsidenten und NATO-Generalsekretärs kann eine kriegerische Auseinandersetzung abgewendet werden.

Die Kardak-Krise ist dabei nicht nur Sinnbild des explosiven Konfliktpotenzials in der Ägäis, sie ist auch symptomatisch für innenpolitische Verwertungspraktiken außenpolitischer Eskalationen in beiden Staaten. So nutzt z.B. die damalige Çiller-Regierung den Vorfall um von gleich mehreren innenpolitischen Skandalen um extralegale Hinrichtungen und Verbindungen staatlicher Institutionen ins rechtsextreme Mafiamilieu in der Türkei abzulenken. In Griechenland hingegen wird die Krise bis heute in rechtspolitischen Kreisen als Bezugspunkt für die Formulierung territorialer Ansprüche gegenüber der Türkei instrumentalisiert.

Auch die jüngsten Drohungen des türkischen Staatspräsidenten Erdoğan[3], wie die Rede des griechischen Premier Mitsotakis im US-Kongress vom 17. Mai gilt es insofern im Lichte jeweiliger innenpolitischer Zusammenhänge zu bewerten. So erlebt die AKP-Regierung im Zuge der aktuellen Währungs- und Wirtschaftskrise ein historisches Umfragetief. Die Regierung Mitsotakis hingegen steht spätestens seit der Ermordung des Journalisten Giorgos Karaivaz unter dem politischen Dauerbeschuss der Opposition, welche sich zuletzt in Form eines Misstrauensvotums, initiiert durch Ex-Premierminister Tsipras, entlud. Mit Blick auf die gegenwärtigen Spannungen in der Region erscheint die Logik der innenpolitischen Instrumentalisierung bilateraler Spannungen, z.B. durch die Konstruktion etwaiger Bedrohungsszenarien als auch die zur Schaustellung der eigenen – mitunter militärischen – Handlungsbereitschaft in der Ägäis als durchaus valide politische Option.

Eine doktrinäre Verfestigung der Spannungslage

Weitaus gefährlicher als innenpolitisch motivierte situative Eskalationen erscheint derweil die mögliche Verfestigung der Spannungslage in der Ägäis, angesichts einer zunehmend geostrategischen Aufwertung der Region. Projekte wie die Eastern Mediterranean pipeline (East-Med), welches Erdgas aus Ägypten und Israel über Zypern und Griechenland nach Italien und somit in die EU befördern soll, sind in diesem Kontext politischer Zündstoff. So zog Washington bereits im Januar 2022 seine Unterstützung für die Pipeline zurück, während die Bundesregierung im Juni mitteilte, dass Deutschland den Bau „der wirtschaftlich als auch klimapolitisch […] zum Teil als umstritten [ist]“ nicht unterstützt.[4]

Nicht minder umstritten ist ein türkisches Projekt, welches unter dem Begriff „Blaue Heimat“ immer wieder in die Schlagzeilen rückt. Hierbei handelt es sich um eine 2015 durch den ehemaligen Konteradmiral Cihat Yaycı konzipierte Langzeitstrategie zum Ausbau der militärischen und wirtschaftlichen Machtsphäre der Türkei im maritimen Bereich. Entgegen der East-Med, eröffnet sich das Konzept der Blauen Heimat als neue türkische Doktrin in der Ägäis, welches spätestens seit 2019 wie kaum ein anderes außenpolitisches Programm der AKP öffentlich forciert wird. So sind die Fahrten des Erdgas-Erkundungsschiffs "Oruç Reis" 2020 wie auch eine im April dieses Jahres durchgeführte Großmilitärübung der türkischen Marine als wichtige Etappen in der Etablierung dieses Konzeptes lanciert worden.

Dabei ist es bis vor wenigen Jahren die islamisch-konservative AKP selbst gewesen, welche durch ihre de-eskalative Haltung in der Ägäis zur vermeintlichen Normalisierung der türkisch-griechischen Beziehungen beigetragen hat.[5] Rückblickend zeigt sich jedoch, dass die vorangegangene Politik der AKP weniger ihrem Interesse am Beziehungsaufbau zum westlichen Nachbarn geschuldet war, sondern vielmehr der Zurückdrängung des kemalistisch geprägten Generalstabs diente. Spätestens seit der Umstrukturierung des türkischen Militärs im Anschluss an den vereitelten Putschversuch von 2016 zugunsten der Regierungspartei dürfte ersichtlich sein, dass die AKP heute keine Aversionen gegenüber einer militärisch gestützten Ägäis-Agenda hegt.

Ein Griechisch-Türkischer Agonismus?  

Ungeachtet dessen, ob die Spannungen in der Ägäis weiterhin zur Tilgung innenpolitischer Bedürfnisse genutzt werden oder eine doktrinäre Verfestigung erfahren, bleibt die Realität, dass die Türkei und Griechenland auch in Zukunft auf Kompromisslösungen angewiesen sind, unumstritten. Dabei sind normative Ansätze einer gemeinsamen Lösungsfindung durchaus Teil politischer Diskursverläufe. Nicht zuletzt der kürzlich verstorbene griechische Komponist und Schriftsteller Mikis Theodorakis schrieb im August 2019 in der Tageszeitung Ta Nea, dass es sich angesichts der Reichtümer des östlichen Mittelmeerraumes lohnen würde, gemeinsame Lösungen zu entwickeln, denn "Ausländische Unternehmen und die US-Flotte kommen und gehen, die Nachbarschaft mit der Türkei ist eine konstante Realität".

Insofern gilt es sich einzugestehen, dass die politischen Antagonismen zwischen Griechenland und der Türkei zwar nicht auflösbar sind, jedoch zwangsläufig keine politische und/oder militärische Konfrontation bedingen. Vielleicht lohnt es sich daher, dass grundlegende Spannungsverhältnis zwischen beiden Staaten im Sinne eines Agonismus aufzugreifen, dessen Stabilität keinen situativ bedingten Schattenkonflikten geopfert werden darf. Denn schlussendlich gilt für die Ägäis wie für Baklava: Es bestehen auf beiden Seiten legitime Ansprüche auf ein gemeinsames Erbe.


[1] Wichtig erscheint dies auch mit Blick auf die späteren Zwangsumsiedlungen im Zuge des türkisch-griechischen Bevölkerungsaustausches 1923. Der türkische Historiker İlber Ortaylı beschreibt in diesem Kontext die Zwangsumsiedlung türkischsprachiger Christen und griechischsprachiger Muslime. Die sozialen Folgen für die jeweiligen Gruppen werden in beiden Ländern über Jahrzehnte hinweg totgeschwiegen. Unteranderem wird dieses Thema in Çağan Irmak’s Film „Dedemin İnsanları“ (Die Menschen meines Großvaters) aufgegriffen.

[2] Nach der Unabhängigkeit Zyperns von Großbritannien im Jahr 1959 kommt es auf der Insel immer wieder zu Spannungen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen. Nach größeren ethnischen Unruhen im Jahr 1964 wird diese Konfrontation mehr und mehr zwischen Griechenland und der Türkei ausgetragen. So verlegt Athen im selben Jahr Truppen auf griechische Inseln nahe der türkischen Küste, während Ankara einseitig die Erweiterung ihrer Hoheitsgewässer auf sechs Seemeilen bekanntgibt.

[3] Athen solle „Träume, Äußerungen und Handlungen vermeiden, die es bedauern würde“ hieß es in einer Rede des türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan im Juni 2022.

[4] Siehe Kurzmeldung des Bundestages vom 10.06.2022, in: https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-898906

[5] Wichtig erscheint in diesem Kontext auch der Staatsbesuch Erdoğans in Athen, in dessen Rahmen der türkische Premier unteranderem die Wiedereröffnung des orthodoxen Heybeliada-Seminars und die Reduzierung von Militärausgaben in der Ägäis.