BE at home: Digitalisierung während der Pandemie

Kommentar

Seit fast zwei Jahren bestimmt das Coronavirus im Theaterbetrieb den Alltag. Und es hat ihn nachhaltig verändert. Die Theater waren in dieser Zeit länger für das Publikum geschlossen als geöffnet. Und doch waren sie immer präsent, haben neue Wege ausprobiert, mit dem Publikum im Kontakt zu bleiben. Jetzt ist die Zeit, aus diesen Erfahrungswerten die richtigen Schlüsse zu ziehen und die Theater für die digitale Zukunft fit zu machen.

Im Theatersaal - Bühnenbild = Schriftzug "BE at home"

Einblicke aus dem Inneren einer lernenden Institution

Ein Kommentar von Ingo Sawilla, Leiter der Abteilung Kommunikation am Berliner Ensemble.

Schriftzug: Kein Spielbetrieb bis zur Sommerpause.

Das Berliner Ensemble verfolgte seit dem ersten Lockdown im März 2020 eine Doppelstrategie zwischen Öffnungsplanung (analoge Spielplangestaltung in mindestens drei Varianten) und digitalen Wegen, mit unserem Publikum im Kontakt zu bleiben. Sprich: Das eine tun ohne das andere zu lassen.

Wir wollten wieder live Theater spielen (darauf ist unser ganzer Betrieb ausgerichtet) und dafür eigene Perspektiven entwickeln. Also beschäftigten wir uns von Anfang an kreativ mit möglichen Öffnungsszenarien: Schon im Mai 2020 bauten wir einen Teil unserer Stühle aus, um reduzierte

Berliner Ensemble: Bestuhlung - Stühle ausgebaut

Platzkapazitäten auszuprobieren, und starteten im Sommer u.a. erstmals eine Open-Air-Bespielung im Innenhof. Mitte März 2021 waren wir bundesweit das erste größere Theater, das nach der erneuten Schließung im Rahmen eines Pilotprojekts der Berliner Senatsverwaltung wieder eine Vorstellung vor Publikum spielen konnte.

Erste digitale Angebote

Im ersten Lockdown waren unsere digitalen Gehversuche zunächst situationsbedingt improvisiert, aber wir versuchten direkt ab März 2020 unter der Überschrift „BE at home“ verschiedene Online-Angebote zusammenzufassen und unserem Publikum weiterhin Theater zugänglich zu machen. Unter dem Titel #BEdenkzeit stellten wir zunächst über Social Media nach dem Beispiel von Max Frischs „Fragebogen“ jeden Tag eine Frage zum gemeinsamen Nachdenken über die aktuelle Situation (die Beteiligung auf Facebook, Twitter und Instagram war gut, aber nicht sehr gut), drehten u.a. einen Zoom-Probeneinblick zu „Gott ist nicht schüchtern“ (mit 1.200 Abrufen über die Website noch mit überschaubarem Interesse) und produzierten eine 28-teilige Podcast-Reihe mit literarischen Texten aus der Lockdown-Welt (in Zusammenarbeit mit der FAZ, insgesamt über 8.000 Abrufe über Soundcloud und Einbindung auf der Website der FAZ). Und wir boten von März bis Juni 2020 regelmäßige Streams an mit aktuellen Inszenierungen aus dem Repertoire und zwei historischen Aufzeichnungen im wöchentlichen Wechsel (elf Streams mit 3.000 bis 21.000 Aufrufen pro Ausstrahlung, jeweils eine Woche abrufbar). Statt permanent zu senden beschränkten wir uns auf ausgesuchte Formate.

Schon damals reichten uns die Übertragungen in eine Richtung nicht, uns fehlte der Austausch mit dem Publikum. Wir suchten den direkten Kontakt in Form von Livestreams  virtueller Publikumsgespräche mit Ensemble, Künstler*innen und/oder Expert*innen aus dem leeren Theater. Unser Publikum vermisste vor allem auch den Ort selbst, die Aura unseres historischen Theatersaals.

Leeres Theater: drei Personen hängen an den Haken der Theatergarderobe

So entstand parallel die Idee, ausgehend von einem Text von Roland Schimmelpfennig aus der Süddeutschen Zeitung, „Geschichten aus einem leeren Theater“ zu erzählen in Form von kurzen Filmen von der menschenleeren Bühne. Insgesamt sechs Teile stellten unterschiedliche Texte über Theater und die aktuelle Situation vor (und erreichten zu unserer eigenen Überraschung insgesamt weit über 100.000 Abrufe über Instagram, Facebook, Twitter und unsere Website).

Kurze Öffnungszeit im Herbst 2020

Mit all diesen Erfahrungen waren wir uns bereits vor der Sommerpause 2020 einig, dass wir in Zukunft nicht nur in Lockdown und Nicht-Lockdown denken wollen und können, obwohl damals die Aussichten für den Spielzeitstart im August gut waren und eine zweite Welle aufgrund niedriger Inzidenzen als eher unwahrscheinlich galt. Wir wollten also nicht nur Notfall-Konzepte für die nächste Welle in der Schublade haben, um uns dann sofort wieder ungezügelt verstreamen zu können, sobald die Theater unter Umständen doch wieder geschlossen würden. Sondern wir wollten unsere digitale Präsenz sukzessive ausbauen und Angebote zuverlässig weiterführen, auch wenn die Theater geöffnet sind.

Besonders die interaktiven Angebote fanden im ersten Lockdown viel Zuspruch, – also ein erweiterter Austauschraum über Theater unabhängig von einer Präsenz des Publikums vor Ort. Dies war auch eine neue Chance um Menschen, die nicht zu uns kommen können (weil sie einer Risikogruppe angehören oder in New York wohnen), weiterhin eine Möglichkeit zur kulturellen Teilhabe anzubieten. Von der Auswertung unserer Streams wussten wir, dass wir ganz neue Publikumsgruppen erreichten, darunter auch internationales Publikum (das sonst nur touristisch den Weg an den Schiffbauerdamm fände): Bis zu 18% Publikum aus dem Ausland sah unsere Streams (z.T. auch trotz Sprachbarrieren bei Übertragungen ohne Untertitel).

Die Weiterführung von Teilen des Online-Angebots mit Beginn der letzten Spielzeit entstand nicht zuletzt aus dem Wunsch, trotz z.T. geringerer Platzkapazitäten weiterhin auch unser Stammpublikum zu erreichen: Neben analogen Publikumsgesprächen bieten wir regelmäßig auch digitale Übertragungen dieser Gespräche sowie anderer Diskussionen im Stream an, zudem bleiben diese Gespräche auch im Nachhinein auf der Website als Video- oder Audiomitschnitt abrufbar.

Mutter Courage sitzt auf Holzwagen

Historische Streams

Daneben waren wir bei der Stream-Recherche auf Schätze aus der BE-Geschichte gestoßen – darunter eine außergewöhnliche und nahezu unbekannte Aufzeichnung von „Mutter Courage und ihre Kinder“, ein Vorstellungsmitschnitt aus dem Theater am Schiffbauerdamm (und eben nicht die Filmfassung aus dem Studio). Unabhängig von unserem analogen Spielplan zeigten wir schließlich von September 2020 bis Februar 2021 monatlich einen historischen Brecht-Stream in Zusammenarbeit mit dem Bertolt-Brecht-Archiv, begleitet von kurzen theaterwissenschaftlichen Einführungen. Auch wenn die Zahlen nicht an die Streamingabrufe aus dem ersten Lockdown heranreichten (zwischen 1.500 und 6.500 Aufrufe pro kostenlosem Stream), erreichten uns wieder dankbare Nachrichten aus aller Welt.

Mehr als ein Brecht-Museum

Aber wir wollen eben nicht nur als Brecht-Museum wahrgenommen werden. Da eine große Ensemble-Inszenierung zu Beginn der letzten Spielzeit bereits früh nicht mehr möglich schien, verabredeten wir statt der geplanten Spielzeiteröffnung mit Lion Feuchtwangers „Exil“ mit dem Regisseur Luk Perceval eine Workshop-Phase, um sich mit dem Ensemble dem Text und den Figuren anzunähern. Im Rahmen dieser mehrwöchigen Vorproben entstand im September 2020 eine 15-teilige Videoserie mit besonderen Einblicken in die Arbeit dieses Regisseurs unter dem Titel „Exil/Backstage“, nah und unmittelbar. Es gelang uns noch nicht, mit diesem seriellen Sonderformat und längeren Erzähleinheiten ein größeres Publikum zu erreichen (rund 6.500 Abrufe über unsere Website). Aber dennoch erlaubte dieses Projekt den Betrachtenden eine Nähe zum Probenprozess, die uns wertvoll erscheint.

Livestream und TV

Panikherz - Plakat

Im zweiten Lockdown ab November 2020 stand neben den historischen Aufzeichnungen und Übertragungen weiterer Gesprächsformate (u.a. Vorträge, Thementage, Brecht-Symposium) der Wunsch nach einem großen Repertoire-Stream live aus dem Berliner Ensemble im Zentrum. Wir wollten nicht zwanghaft alle aktuellen Produktionen in ein abgefilmtes Videoformat pressen, sondern unser Ziel war, mit wenigen Highlights ein größeres Publikum zu erreichen. Im Dezember 2020 realisierten wir in Zusammenarbeit mit dem RBB einen großen Livestream von „Panikherz“: Diese Übertragung erreichte in Kombination mit einer TV-Ausstrahlung (an einem Sonntag um 00.00 Uhr) und einer einmonatigen Verfügbarkeit in der ARD-Mediathek insgesamt weit über 50.000 Menschen – was ungefähr 70 ausverkauften Vorstellungen am Schiffbauerdamm entspricht.

Stream "Panikherz" im BE
Stream "Panikherz" im BE

Ein wichtiger Faktor, um unsere Möglichkeiten und Ressourcen besser einschätzen zu können: Das Berliner Ensemble war als private GmbH bereits ab April 2020 in Kurzarbeit, im Gegensatz zu den meisten staatlichen Häusern, die dieses Instrument erst ab 2021 einsetzen konnten. Das heißt, dass viele Abteilungen, neben den technischen Gewerken u.a. auch phasenweise Dramaturgie, Kommunikation, Videoabteilung usw., entweder gar nicht oder nicht Vollzeit gearbeitet haben. Dies hatte natürlich auch Konsequenzen für unsere digitalen Bemühungen, z.B. für Livestreams oder Aufzeichnungen von der Bühne, die z.T. nur eingeschränkt möglich waren.

Mutter Courage und ihre Kinder

In der dritten Phase ab Februar 2021 (das Haus befand sind zu der Zeit wieder fast komplett in Kurzarbeit) fokussierten wir uns neben spielerischen Projekten wie einem 360°-Instagram-Filter schließlich darauf, unser Publikum verstärkt an den aktuellen Denkprozessen hinter den Kulissen teilhaben zu lassen in Form von neuen digitalen Vermittlungsformaten, Zoom-Workshops und Gesprächen. Diese dialogischen Angebote begleitend zu den aktuellen Produktionen sollten besondere Einblicke in die Arbeitsprozesse und den direkten Austausch ermöglichen. Daneben konnte sich das Publikum in Praxis-Übungen unserer Vermittlungsabteilung selbst ausprobieren.

Wir haben im den vergangenen zwei Jahren viel dazugelernt. Wir haben uns filmisch weitergebildet, ein flexibles Livestream-Setup installiert und neue Technologien ausprobiert. Wir betreiben verstärkt Besucherforschung (weil wir Bedürfnisse kennenlernen und analysieren wollen, statt unserem Publikum einfach Angebote zu verordnen).

Wir verändern unsere Workflows (hin zu einem agileren Arbeiten), nutzen neue digitale Tools für die interne Kommunikation (Microsoft Teams), integrieren Methoden des Design Thinkings in unsere Arbeitsweisen und denken z.B. mittlerweile in Pilotfolgen oder Prototypen, bevor wir in (Serien-)Produktion gehen. Und wir sind weiterhin dabei, auch die Prozesse zwischen den beteiligten Abteilungen zu überprüfen und wo nötig neu zu definieren.

Leerer Theatersaal zum Stream - Die Blechtrommel

Ausblick

Jetzt ist der entscheidende Zeitpunkt, die richtigen Weichen an den Häusern zu stellen. Wir brauchen für die Erweiterung unserer Theaterräume ins Digitale perspektivisch eigene Abteilungen: So wie sich die Arbeit in Videoabteilungen, in der Vermittlung oder in der Online-Kommunikation professionalisiert hat, so brauchen wir in Zukunft auch Personal und Expertise im Digitalbereich, technisch und vor allem auch inhaltlich.

Wir haben in dieser Spielzeit neu eine eigene Stelle für digitale Redaktion geschaffen, um die vielfältigen Aufgaben auch strukturell zu verankern. Diese neue (Schnitt-)Stelle ist zwischen Kommunikation, Dramaturgie und Vermittlung angesiedelt und soll abteilungsübergreifend inhaltliche Aktivitäten im digitalen Raum verbinden, neue Konzepte ausprobieren und zukunftsfähige Strategien entwickeln.

Wir brauchen langfristig neben dem Know-How auch Menschen, die ihr Wissen im Theateralltag anwenden und umsetzen können und mit Spaß und Neugierde auch tun wollen. Denn die Digitalisierung ist keine vorübergehende Pandemie-Erscheinung, bis der Vorhang wieder hochgeht. Wir müssen jetzt unsere Kultureinrichtungen nachhaltig fit machen für die Herausforderungen der (digitalen) Zukunft. Das ist erst der Anfang.