Theater als Push-Mitteilung: Darstellende Kunst im Messengerformat

Hintergrund

Während der Pandemie findet Theater immer häufiger online statt. Nicht nur als Stream sondern auch als interaktives Rollenspiel. Fabian Raith hat genauer beobachtet wie das auf dem Messengerdienst Telegram läuft.

Ausschnitt eines Smartphone-Startbildschirms mit einer Telegramnachricht von "MacBeth"

Telegram

Was ist Telegram?

Telegram ist ein Messenger-Dienst. Neben Whatsapp, dem Messenger des Facebook-Konzerns, und Signal, einem Messenger-Dienst, der sich besonders dem Datenschutz verschrieben hat, ist Telegram der dritte große Messenger-Anbieter. Neben den Standard-Dienstleistungen der Telefonie in Sprache und Video sowie Sprach und Textnachrichten bietet Telegram die Möglichkeit, durch eine Programmierschnittstelle eigene Mikroapps wie Bots für die Plattform zu programmieren. Zum Anlegen eines Accounts wird zudem nur eine weitere Simkarte benötigt. Da ein Endgerät mehrere Accounts bedienen kann, ist das gleichzeitige Bespielen des Messengers mit mehreren Charakteren durch eine Person erheblich erleichtert. Mittlerweile gibt es über 500 Millionen weltweite Nutzer:innen, die Nutzerbasis hat sich über letzten zwei Jahre verdoppelt. Die Plattform dient auch als Sammelbecken und Verbreitungskanal von Verschwörungsideologien, da die Plattform kaum staatlicher Kontrolle unterliegt.
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In den letzten Monaten kristallisierte sich neben Theaterstreams eine weitere Plattform als distinkte Theaterplattform aus: Der Messenger-Dienst Telegram. Für Künstler:innen ist der Dienst vor allem interessant, weil er verschiedene Möglichkeiten der Einbindung anderer Medien bietet. Telegram hat sich, auch als es noch nicht als Plattform für freidrehende Politik-Schwurbler:innen genutzt wurde, als Alternative zu whatsapp etabliert. Zeit, sich die Plattform und ihre performative Nutzung genauer anzugucken. Wie funktionieren Stücke auf Telegram, wie funktioniert Gemeinschaft und welche kulturellen Praktiken bringen Telegram-Stücke mit sich.

Screenshot eines Telegramgruppenchats namens "MacBeth" mit zwei Accounts, die mehrmals "Gruß dir" schreiben

Telegram wird zur Bühne

Telegram-Theater experimentiert derzeit mit zwei Formen: Zum einen nutzt es traditionelle Theatermittel und klar hierarchisierte Publikumsanordnungen, inklusive einer mehr oder weniger strikten Trennung von Publikum und Performenden plus klare Aufführungszeiten. Zum Anderen verwandeln Telegram-Stücke das Smartphone in eine Multimedia-Bühne. Vorproduziertes wird mit Live-Material vermischt, verlinkt und durch Audiofiles erweitert.

Die Stücke sind auch von hohem Aktivitätsgrad gekennzeichnet. Die Dichte der Inhalte ist hoch, das Publikum bekommt quasi permanent Nachrichten. Ruhigere Momente scheinen schwer herstellbar, wenn man sich der Aufmerksamkeit des Publikums nicht sicher sein kann. Denn genau diese Aufmerksamkeit ist der gemeinschaftsbildende Moment auf Telegram.

Gemeinschaftsbildung in Telegram-Stücken

Nicht alle Telegram-Stücke arbeiten mit einem bewussten Moment der Gemeinschaftsbildung. Dennoch ist die Konstituierung von Gemeinsamkeit auf Telegram ein zentrales Element im Nachdenken über Telegram-Theater. Wie funktioniert dieses gemeinschaftsbildende Moment? Digitale Gemeinschaft konstituiert sich notwendigerweise anders als bei einer physischen Veranstaltung. Der Blick richtet sich nicht auf Bühnen, sondern auf Smartphones und Bildschirme, der Kontakt ist mediatisiert. Das Nachdenken über digitale Gemeinschaft funktioniert also zwangsläufig anders als über den Begriff der Kopräsenz. Dabei wählen Theatermachende auf Telegram zwei unterschiedliche Modelle: Gemeinschaft durch geteilte Aufmerksamkeit oder aber Gemeinschaftsbildung durch Interaktion.

Gemeinschaft durch geteilte Aufmerksamkeit

Das Staatstheater Nürnberg hat unter der Regie von Jan Philipp Gloger „Macbeth. Ein Kurznachrichtentheater“ gezeigt. Mehrere Nachrichten in der Minute bringen die Handlung voran, dazu Videosnippets und Sprachnachrichten des langsamer irrer werdenden Macbeth.  Die Dichte an Inhalten ist so hoch, dass kaum eine andere Möglichkeit bleibt, als permanent dem Geschehen zu folgen. Wer nicht live dran bleibt, muss nachsitzen und die Inhalte im Nachhinein verfolgen, verliert damit aber den Anschluss an das Livegeschehen. Digitales Publikum wird hier vor allem in seiner rezipierenden Rollen angesprochen. Etwas über eineinhalb Stunden wird man mit Nachrichten dauerbefeuert, das Smartphone wird zur Guckkastenbühne. Am Ende darf applaudiert und das Macher:innenteam in einem digitalen Publikumsgespräch befragt werden. Telegram ist hier ein Medium zweiter Ordnung: Als Publikum guckt man anderen bei der Benutzung zu, ohne selbst daran beteiligt zu sein. Fast wie früher.

Die dadurch entstehende Publikumsgemeinschaft entscheidet sich also bereits in Form der Teilnahme an einem Stück, diesen als gemeinschaftsstiftenden Moment zu definieren. Gleichzeitig tritt die gemeinschaftliche Wahrnehmung vor allem dann zu Tage, wenn gerade keine performative Handlung stattfindet. Die Vergemeinschaftung und der Austausch wird in die Phase nach der Performance verlegt und mit einem klaren Übergangsmoment markiert. Auch „Twin Speaks“ von Vorschlag:Hammer handhabt die gleichzeitigen Anwesenheit von Publikum und Performenden so. Ursprünglich als analoges Stück geplant, wurde es schnell in den digitalen Raum des Messengers übertragen. Das Stück wird von drei Accounts vorangetrieben und das Publikum bekommt größtenteils durch Videos die Handlung erzählt. Um den Übergang in die Interaktivität zu gestalten, gibt es klare Übergangsmomente. Es werden dafür sogar Pausen in den Chat inszeniert, ansonsten folgt das Publikum den Chattenden als stumme Beobachter. (siehe Bild)

Screenshot eines Telegramchats: "Liebe Leute bei Zoom in das war die erste Episode von Twin Speaks der Chat ist jetzt geöffnet ihr könnt alle posten, es gibt eine Umfrage wer der/die Täter*in sein könnte und einen Pausen Scoundtrack und viel Spass beim Spekulieren"

Gemeinschaft durch Interaktion

Ein anderes Interaktions- und damit auch Modell der Gemeinschaftsbildung verfolgt Machina Ex. Wie Gemeinschaftsbildung durch Interaktion funktioniert, führen Machina Ex mit ihren Telegram-Inszenierungen vor. Sie haben sich innerhalb des letzten Jahres Telegram-Expertise draufgeschafft und man kann sie durchaus als die Pinor:innen des Telegramtheaters bezeichnen.

Machina Ex macht Game-Theater, in denen der Fortgang Handlung durch Entscheidungen des Publikums beeinflusst wird. So auch in ihren Telegram-Stücken Lockdown und Homecoming. Dabei sind die Accounts des Publikums aktiv Mitspielende. In einem Gruppenchat mit den anderen Mitspielenden werden kleinere Rätsel gelöst, die durch Hinweise auf im Chat verlinkten Seiten zu finden sind.  

Das Publikum interagiert hier also sowohl miteinander als auch mit den Performenden und trägt auch die Konsequenzen des gemeinsamen Handelns. Die anderen sind also nicht nur durch ihre Präsenz und Aufmerksamkeit sichtbar, sondern werden auch in Entscheidungsprozesse und die Storyline eingebunden bzw. bringen diese voran. Man schreibt mit verschiedenen Nutzer:innen, ist in einem Gruppenchat, der vorrangig die Handlung vorantreibt, dazu kommen einige Bots, ihre Nutzung ist aber nicht speziell markiert, für die Spieler:innen dennoch spürbar.

Clara Ehrenwerth, Dramaturgin von Machina Ex, beschreibt auch gerade die Verschwörung der Nutzer:innen gegen die Bots als gemeinschaftsbildendes Moment bei den Zuschauer:innen. Telegram als Plattform tritt hier eher in den Hintergrund, es wird in der alltäglichen Nutzung gebraucht und verschwindet dadurch hinter dem Nutzungsverhalten. Es dient als Kommunikationskanal der ersten Ordnung, man ist selbst daran beteiligt, aktiv involviert und die eigenen Handlungen beeinflussen die Handlung des Stücks. So wird in „Homecoming“ das Abrutschen einer frühreren Schulkameradin und deren Rettung aus diesem Abrutschen in Verschwörungsmilieus verhandelt. Wie schnell diese Rettung aber voran geht und wie diese Rettung passiert, wird dem Publikum überlassen.

Screenshot eines Videos mit der Unterschrift: "My Favorite Recipe: Carrot pudding Paradise for the palate.
Das Lieblingsrezept der ehemaligen Klassenkameradin Rabea aus dem Stück Homecoming von Machina Ex

Screenshot eines Telegram Chats mit "Moritz Giffinger": "Hi" und "Fabian!! So schön, von dir zu hören!! Alles gut bei dir? Bin gerade noch auf Achse, aber bald zuhause (und damit meine ich tatsächlich ZUHAUSE ... Kinderzimmer 4 ever). meld mich dann nochmal ausführlicher ... Bis gleich!"

Liveness vs. Remote

Die Bots, mit denen Machina Ex arbeitet, arbeiten immer noch mit menschlichem Support. Liveness scheint, in Zeiten der mangelnden physischen Kopräsenz und dem gemeinsamen Einatmen der Aerosole im Raum, das theatrale Mittel zu sein, dass beibehalten wird. Auch auf Telegram. Theater on demand gibt es dann erst im Re-Live: Das Stück kann, nachdem es gespielt wurde, nocheinmal nachgeguckt, Lieblingsstellen nachgehört oder Videos noch einmal gesehen werden. Die bisherigen Versuche dringen damit weniger in den Alltag der Besucher:innen ein, als dass sie Telegram als Bühne und Kommunikationskanal nutzen.

Die postdigitalen Möglichkeiten des Messengers, das Durchdringen des Alltags und das Aufgeben des Aufmerksamkeitsmonopols, Theater als Nebenbeschäftigung im Alltag, wurden bisher wenig genutzt.

Screenshot eines Telegramchats mit dem Bot "Themadite Renji"

Omsk Social Club haben hier einen Versuch gestartet: Sie haben mit dem Bot Thermadite Renji sowohl eine Interaktionsplattform geschaffen, die eine beiläufige Kommunikation mit einem gegenüber ermöglicht und so den Alltag der Besucher:innen durchdringt. Anders als die Bots, die Machina Ex gebaut hat, arbeitet er ohne menschlichen Support im Hintergrund, die Interaktion mit dem Bot wird nur durch die Nutzer:in geführt. Der Bot dient als schnell antwortendes Gegenüber, reagiert auf Nachrichten der Nutzer:innen, fordert aber auch bestimmte Interaktionen ein. Der Chat mit dem Bot funktioniert wie die Kommunikation mit anderen Accounts: Man schickt Texte und Fotos hin und her, wird auf Dinge hingewiesen und muss manchmal eine Weile auf Antworten warten. Dabei übernimmt der Bot die Leitungsfunktion: Er macht Ansagen, gibt Wege und Interaktionsmöglichkeiten vor. Damit einher gehen aber auch neue Freiheiten für die Besucher:innen: Das individuelle Rezipieren wird ermöglicht, weil niemand mehr etwas erwartet. Die Erwartungslosigkeit des Bots wird zur individiuellen Freiheit der Besucher:innen. Die alltäglichen Spaziergänge, die zur Corona-Routine wurden, werden so neu geframed. Der Bot schafft eine individualisierbare, on-demand verfügbare Performance,  das Neu-Erleben der Landschaft ermöglicht. Die Wirklichkeit wird verfremdet und ästhetisiert. Der Bot bricht den Möglichkeits- und Wirklichkeitsraum auf und ändert so die Wege der Kommunikation. Er ästhetisiert die Wahrnehmung der Umgebung und verändert die Erwartungen an den Kommunikationsraum Telegram.

Gleichzeitig bleibt der Bot künstlich und entfaltet gerade dadurch eine eigene Ästhektik. Es wird eine ästhetische Fläche aus Sound, einer AR-Skulptur und sehr distinkten Texten erschaffen, welche die Interaktion mit dem Bot in eine Art technologisiertes Ritual verwandelt. Die Besucher:innen werden auf einen Spaziergang genommen, müssen dabei kleinere Aufgaben erledigen, die durch Thermadite Renji vorgegeben werden. Nach und nach wird die Verbindung stärker und es entsteht eine dritter Raum zwischen Technik, Natur und Rezipierenden. 

Bild einer bunten Kugel, mit grünen Pflanzen drumherum

Die Intermedialität, die auch die anderen Stücke auszeichnet, kommt auch hier zum Tragen. Jedoch gibt es eine viel stärkere ästhetische Setzung, eine klarere Verschiebung zur alltäglichen Nutzung des Messenger: Während die anderen Stücke eher auf Alltagssprache und Videos in Alltagsästhetik setzen, wird durch Thermadite Renji World Building betrieben, dass sich vor allem durch besondere Sprache und verfremdete Videos auszeichnet.

Dadurch wird die Verschiebung zur Realität deutlicher und Telegram noch stärker als ästhetischer Erfahrungsraum markiert. Omsk hat damit einen Versuch unternommen, Telegram zu hijacken. Das funktioniert, insbesondere in der Interaktion und der Anweisung durch Technik und der ästhetischen Setzung, bereits, lässt jedoch auch noch Spielräume offen.

Screenshot eines Telegramchats mit dem Bot "Themadite Renji"

Screenshot eines Telegramchats mit dem Bot "Themadite Renji"

Was passiert, wenn der Telegram-Hintergrund geändert wird? Wie weit gehen Personen im Annehmen fremder Rollen? Und: Was könnte noch in dem Tool stecken, wenn wir es nicht in seiner ursprünglichen Nutzungsidee, als Kommunikationskanal nutzen, sondern als einen Kanal, der neue Verbindungen herstellt?

Telegram als alternative Realität

Telegram-Stücke stellen die Frage nach Macht in Mensch-Maschine-Interaktionen. Mal durch die Art des Storytellings, mal durch Interaktionsmöglichkeiten, mal durch Alltagsinterventionen. Sie gehen mit der kulturellen Praktik des Etablierens eines Möglichkeitsraumes im Alltag einher und ermöglichen Nachdenken über alternative Nutzungen von Technik. Ein alltäglich genutztes Tool des Publikums wird als ästhetische Plattform genutzt und als Bühne etabliert. Dadurch wird implizit auch deutlich gemacht, dass die Hoheit darüber, wie Tools genutzt werden, bei der digitalen Bühne Telegram nicht nur bei den Personen liegt, die die Software zur Verfügung stellen, sondern auch bei ihren Nutzer:innen und dem Publikum.

Was die Stücke verbindet ist die spielerische Nutzung des Messengers - aber, wie bei jeder Bühne, unterscheidet sich das Wie der Nutzung elementar. Gleichzeitig etablieren sie einen neuen Ort, der durch direkte Ansprache oder Interaktion fiktive Handlungen im Alltäglichen etabliert und die Unmittelbarkeit des Mediums Messenger entweder als Subhandlung oder als direktes Thema mitverhandelt. Telegram-Theater spricht damit nicht nur durch, sondern auch über den Messenger zu den vereinzelten Zuschauer:innen und schafft eine neue Vergemeinschaftung von Zuschauer:innen, Gerät und im Stück Handelnden.