Susanne Klimroth, Humboldt-Universität Berlin

Ekel als geschlechterpolitische Emotion – Politik und Ästhetik des abscheulichen Körpers in der Literatur der Moderne (1900–1933) (AT).

Um 1900 findet eine Neuordnung von Geschlechtlichkeit und eine Verschiebung der Geschlechterverhältnisse statt, die durch das 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart hinein wirkt (vgl. Bublitz/Hanke/Seier 2000). Verbunden damit sind heftige politische und kulturelle Auseinander-setzungen, in denen dem Ekel als einer starken Emotion große Bedeutung zukommt – insbesondere dem Ekel in Bezug auf Körper, Geschlecht und Sexualität. In der Literatur der Moderne wird diese Emotion einerseits mit kritischem Blick auf die umkämpften Machtverhältnisse thematisiert, samt den sich des Ekels bedienenden Ausgrenzungs- und Abwehrstrategien. Andererseits aber inszenieren literarische Texte den Ekel ihrerseits in subversiver Absicht, um das dichotomische Denken der Ausgrenzung und Abjektion von Weiblichkeit beziehungsweise Geschlechtlichkeit zu unterlaufen.

Das literarische Korpus des Dissertationsprojekts ist zentriert um Frank Wedekinds Schauspiel Hidalla oder Sein und Haben (1903/04), ausgewählte Texte (1912–1916) von Franziska zu Reventlow, Hans Henny Jahnns Tragödie Medea (1925) und Marieluise Fleißers Stück Fegefeuer in Ingolstadt (1926).

Anhand dieser Werke möchte ich darlegen, dass die literarische Figuration des abscheulichen Körpers hier eine ästhetische Abwehrstrategie von antifeministischen und rassistischen Narrativen des Ekels im wissenschaftlichen und politischen Diskurs zwischen 1900–1933 markiert. Damit möchte ich in meinem Vorhaben eine dominante These der einflussreichsten Theorien zum Ekel widerlegen, die den weiblichen Körper als einen zentralen Ekelauslöser denkt (vgl. u.a. Kristeva 1980; Menninghaus 1999). Demgegenüber erarbeite ich die dialektische Bewegung des Ekels von einer Rhetorik der Ausgrenzung über einen Ausdruck des Widerspruchs hin zu einer Auflösung verfestigter Dichotomien.

Schlüsselbegriffe: Ekel, Emotionsgeschichte, Körperlichkeit, Gender, Literatur der Moderne (1900–1933)