Simon Wehden, Technischer Universität Berlin

Rolle des Handwerks in der Großen Transformation in Deutschland

Die Zeit zur Lösung der globalen ökologischen Probleme drängt und erfordert einen tiefgreifenden, konzertierte Umbau der Industriegesellschaften hin zu einer ökologisch nachhaltigen Wirtschaft (Große Transformation). Das deutsche Handwerk hat dabei eine Schlüsselposition inne: Über 500.000 Handwerksbetrieben beschäftigen 5,2 Mio. Menschen (2017) und sind häufig direkt in die Umsetzung von Transformationsmaßnahmen (z.B. der Wärme-, Energie-, Produktions-, Ernährungswende oder Kreislaufwirtschaft) involviert oder von ihnen betroffen. Wesentliche politische Vorhaben wie die Wende hin zur Kreislaufwirtschaft oder die „Renovierungswelle“ zur flächendeckenden energetischen Gebäudesanierung sind ohne das Handwerk nicht umsetzbar. Nichtsdestotrotz existiert bis heute kaum Forschung über die Rolle des Handwerks und der Handwerker:innen in der sozial-ökologischen Transformation.

Das Promotionsvorhaben soll diese Forschungslücke füllen. Im Analysefokus steht dabei das Potenzial der Handwerker:innen, als Akteure transformativen Wandels oder „Katalysatoren“ die Transformation zu beeinflussen. Drei Leitfragen dienen der Strukturierung des Projekts:

1. Wie beeinflussen Handwerker die Große Transformation und in welchen Rollen sind sie als Transformationsakteure geeignet? 2. Welche Faktoren beeinflussen ihre Absicht und Fähigkeit, die Transformation auf diese Weise zu beschleunigen? 3. Wie kann die Übernahme dieser transformativen Handlungen gefördert werden?

Das Vorhaben baut zum einen auf der Middle-Out Perspektive und dem Konzept der „Mittenakteure“ auf. Diese agieren an den Schnittstellen der Transformation, beispielsweise zwischen Technologie und ihrer Nutzung durch Kund:innen oder generell zwischen „Oben“ (Politik, Behörden, Dachorganisationen) und „Unten“ (Kund:innen, Mitglieder). Aus der Mitte heraus könnten diese „Mittenakteure“ Einfluss aufwärts, abwärts und seitwärts nehmen. Handwerker:innen agieren in vielen Kontexten als solche „Mittenakteure“. Zum anderen unterscheidet es umweltsignifikante Verhaltensweisen und transformative Handlungen in fünf Rollen: als Konsument:in, Produzent:in, Mitglied von Organisationen, Mitglied von Gemeinschaften und als Bürger:in. Ob ein Individuum in einer bestimmten Rolle als Akteur transformativen Wandels geeignet ist, hängt vor allem an der Handlungsbefugnis (agency) und Umsetzungsfähigkeit (capacity) in dieser Rolle oder im jeweiligen Kontext ab. Da Handwerker:innen tatsächlich alle diese Rollen einnehmen können, bietet gerade eine Analyse der für die verschiedenen Rollen wichtigsten Einflussfaktoren wertvolle Erkenntnisse für die Forschung zu Umweltverhalten: In welchen Rollen bestimmen vor allem einstellungsbezogene Faktoren das Verhalten? In welchen sind rechtliche oder ökonomische Rahmenbedingungen oder die (Aus-)Bildung wichtigere Determinanten? 

Neben der Untersuchung seiner Rolle in der Großen Transformation ist die Entwicklung von Leitlinien und Strategien zur effektiven Steuerung des Handwerks ein Hauptbestandteil des Promotionsvorhabens. 

Stichworte: Transformationsforschung, Handwerk, Umweltverhalten, Middle-Out Perspective