El Salvador: Fehlende Berichterstattung verharmlost Gewalt gegen Frauen

Analyse

Machismo und Frauenfeindlichkeit sind in vielen salvadorianischen Redaktionen weit verbreitet. Gewalt an Frauen ist für sie kein Thema. Alternative Medien wollen dem eine Berichterstattung entgegensetzen, die dieses Thema in den Mittelpunkt stellt.

Frauen demonstrieren mit Plakat "Ni una menos"

Eine Langfassung dieses Artikels erschien in Perspectivas Nr. 6 „Lügen, Hass und Desinformation – Lateinamerika in postfaktischen Zeiten“.

El Salvador, das kleinste Land Mittelamerikas, gehört weltweit zu den Ländern mit der höchsten Gewaltrate. Mit 6,5 Femiziden pro 100.000 Frauen gilt es für Frauen als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Nach einer landesweiten Umfrage von 2017, haben 67 von 100 Frauen im Verlauf ihres Lebens in irgendeiner Form geschlechtsspezifische Gewalt erfahren. Davon haben lediglich 6 Prozent formal Anzeige erstattet.

Zu den Gründen, warum Frauen davor zurückschrecken, gehören unter anderem Angst vor Repressalien, die Furcht vor Stigmatisierung und Reviktimisierung sowie mangelndes Vertrauen in das System. Die Wahrscheinlichkeit, Recht zu bekommen, ist tatsächlich minimal: Zwischen 2018 und 2019 führten lediglich 12 Prozent von insgesamt 6.305 erstatteten Anzeigen zu einer Verurteilung.

Gewalt im Netz und die #MeToo-Bewegung in El Salvador

In den letzten Jahren hat sich mit den sozialen Netzwerken der Raum erweitert, in dem sich Gewalt gegen Frauen zeigt. Hierzu gehören z.B. sexuelle Belästigung, Schikane, Diffamierung, Bedrohung und sonstige Straftaten. Gleichzeitig werden dort aber auch Gegennarrative entwickelt. Im August 2019 löste ein Tweet mit dem Hashtag #MeToo auch in El Salvador eine Welle von Enthüllungen aus. Über mehrere Wochen kursierte in sozialen Netzwerken und WhatsApp-Gruppen eine Liste mit Namen, darunter auch die mehrerer Medienvertreter und Journalisten. Die meisten Anzeigen erfolgten anonym.
Die Kritik an diesen Aktionen fiel ähnlich aus wie bei #MeToo-Bewegungen in anderen Teilen der Welt. Danach sollten die Frauen auf offiziellem Weg Anzeige erstatten, denn anderenfalls würden sie gegen die Unschuldsvermutung der Beschuldigten verstoßen.

Die führenden traditionellen Medien und auch die digitalen Medien sahen großzügig über das Geschehen im Netz hinweg und schwiegen. Wie in anderen Ländern wurde auch in El Salvador den Frauen das Recht auf eine eigene Stimme mit dem Argument abgesprochen, jede anonym erstattete Anzeige sei journalistisch wertlos.

Verharmlosung und Normalisierung von Gewalt gegen Frauen

Ein Bericht der UNESCO aus dem Jahr 2019 erinnert uns daran, dass es zu den journalistischen Pflichten gehört, aufzuklären und dazu beizutragen, das Schweigen zu geschlechtsspezifischer Gewalt zu brechen und einen sozialen Wandel herbeizuführen.

Dieses Thema aufzugreifen, stößt gerade auch innerhalb der Medien auf zahlreiche Hindernisse. In den salvadorianischen Redaktionen geben Machismo und Frauenfeindlichkeit den Ton an, und eine ganze Reihe von Mechanismen sorgen dafür, dass Gewalt gegen Frauen als normal gilt und verharmlost wird.

Die Verharmlosung seitens der Medien zeigt sich vor allem darin, dass kaum über das Thema berichtet wird; und wenn dies ausnahmsweise doch geschieht, so ist die Berichterstattung meist ungenau, und sie erfolgt ohne Kenntnis der Geschlechterperspektive und ohne moralische Grenzen: Gewalt und die Körper von Frauen werden so zu einem alltäglichen, trivialen Medienspektakel.

Viele Journalistinnen haben sich schon an Chefs und Kollegen abkämpfen müssen, die das Thema der Geschlechterperspektive mit zwei Argumenten meiden: Zum einen sei die Einbeziehung gleichbedeutend mit Aktivismus und habe nichts mit Journalismus zu tun. Zum anderen hieße eine Berichterstattung über geschlechtsspezifische Themen über „Frauenprobleme“ zu sprechen. Beide Argumente nähren einen Diskurs, der solche Themen ins Abseits stellt und vorgibt, sie seien weder global noch für die Gesellschaft als Ganzes von Bedeutung. Mit anderen Worten: Die Frauenfrage sei ein Randthema von partiellem Interesse.

Diese Normalisierung und Verharmlosung findet sich auch in den sozialen Netzwerken. Die Banalisierung der Geschlechterperspektive durch Verbalangriffe männlicher Journalisten – selbst der renommiertesten – gegen weibliche Kolleginnen oder feministische Aktivistinnen sind keine Seltenheit. Auch das gravierende Ausmaß der Frauenmorde wird noch immer kleingeredet. In einem Land wie El Salvador, in dem über 90 Prozent der Mordopfer Männer sind, halten einige Journalisten die Thematisierung der Frauenmorde als spezifisches Problem für einen feministischen Ansatz, durch den die mit einer überwältigenden Mehrheit an Männern begangenen Morde verharmlost werden.

Wenn das Thema Gewalt gegen Frauen beiseitegeschoben und vertuscht wird, erzeugt dies Desinformation. Dadurch, dass ein gesamtgesellschaftliches Phänomen verdrängt bzw. verschwiegen und als „irrelevant“ dargestellt wird, verfestigt sich zum einen eine auf Ungleichheit gestützte Sozialisierung und zum anderen wird Gewalt gegen Frauen legitimiert, indem die Verantwortung der Männer als Täter im Dunkeln gelassen bzw. kleingeredet wird.

Alharaca: Feministischer Journalismus als Widerstand

Die genannten gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen in El Salvador waren aber auch Ansporn und Voraussetzung dafür, im Binnensystem der Medien Alternativen und neue Räume zu schaffen. So haben sich verschiedenste – vornehmlich digitale –- neue und inklusive Medien dem Kampf gegen die „gläsernen Decken“ innerhalb der traditionellen Print- und Digitalmedien angeschlossen. Alharaca, Agencia Presentes, La Brújula, La palabra incómoda y Gato Encerrado sind einige Beispiele für solche Räume. Sie alle engagieren sich dafür, Anliegen von Frauen, die die gesamte Gesellschaft betreffen, wieder in den Mittelpunkt der Mediendiskurse zu stellen.

Vor dem Hintergrund des medialen Schweigens über die aufkommende #MeToo-Bewegung in El Salvador veröffentlichte Alharaca einen Sonderbeitrag mit dem Titel „¿Por qué no denuncié?“ – „Wieso habe ich keine Anzeige erstattet?“. Frauen waren zuvor über soziale Netzwerke aufgerufen worden, Alharaca anonym ihre Gründe zu nennen, warum sie sich nach einer Gewalterfahrung dennoch entschlossen hatten, sich nicht an die Justiz zu wenden.

Die Anonymität, mit der die Frauen von ihren Erfahrungen berichteten, ermöglichte es, die Aufmerksamkeit weniger auf die Opfer als vielmehr auf den Staat und seine Verantwortung als Garant für die Sicherheit und die Rechte von Frauen zu lenken. Alle zusammengetragenen Aussagen wiesen Übereinstimmungen auf und wurden zu einem Beleg für das, was auch Untersuchungen und offizielle Berichte mittlerweile erkannt haben: Frauen erstatten nach einer Gewalterfahrung keine Anzeige, weil für sie das Justizsystem nicht funktioniert.

Alharaca ist sich völlig darüber im Klaren, dass es als journalistisches Medium unter anderem dazu verpflichtet ist, den Staat zu kontrollieren. Es ist keine Staatsanwaltschaft und muss deshalb auch nicht beweisen, ob die Frauen, die von ihren Gewalterfahrungen berichten, lügen oder nicht. Die Aufgabe von Alharaca ist es, Gewalt sichtbar zu machen und sie auf die öffentliche Agenda zu setzen. Aus der Wissenschaft hat Alharaca Methoden übernommen, um Informationen zu kontrastieren und zu verifizieren. So werden beispielsweise die Aussagen in einem Dreiecksvergleich mit wissenschaftlichen Forschungsergebnissen, Berichten offizieller Stellen sowie Angaben internationaler und zivilgesellschaftlicher Organisationen abgeglichen.

Noch ist der Weg zu einer gerechten und sicheren Gesellschaft für die Frauen El Salvadors weit. Mit ihrem Kampf gegen die Desinformation versuchen journalistische Initiativen wie Alharaca einen Beitrag zu diesem Prozess zu leisten. Sie verfolgen eine vielfältigere und inklusivere Agenda und berichten über Gewalt und Diskriminierung gegenüber Frauen als ein Thema, das nicht nur wichtig ist, sondern die gesamte Gesellschaft betrifft und mit dem wir alle uns befassen sollten.

Umfrage Sexismus El Salvador

Wieso habe ich keine Anzeige erstattet?

„Sie würden mich für eine Nutte halten.“
„Meine Mutter hätte gesagt, es sei meine Schuld gewesen“.
„Ich fühle mich eingeschüchtert, weil er Hochschulprofessor ist.“
„Er kann mir beruflich schaden.“
„Ich hätte die psychischen Übergriffe und die Betrügereien nicht beweisen können.“
„Angst und Scham.“
„Ich habe ja Anzeige erstattet, aber das war eine furchtbare Erfahrung.“

Audioberichte auf especial.alharca.ca

Übersetzung aus dem Spanischen: Beate Engelhardt

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers Geschlechterdemokratie in Lateinamerika