Thanushiyah Tharmadevan, Ludwig-Maximilians-Universität München

Globalgeschichte des Völkermordes in Ruanda 1994

Der Völkermord in Ruanda 1994 hat mehr als 1 Million Menschenleben gekostet. Trotz der Völkermordkonvention griff die internationale Gemeinschaft nicht ein, um das Verbrechen zu stoppen. In zeitgenössischen Medien wurde der Konflikt als unzivilisierter, tribaler und unvermeidbarer Ausbruch anarchischer Gewalt dargestellt. In Wirklichkeit war es ein geplantes, organisiertes Bestreben der Hutu Extremisten in der Regierung, in der Armee und den Milizen, die ruandische Tutsi Bevölkerung auszurotten. Dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit kann ohne Berücksichtigung seiner globalen Dimension nicht verstanden werden. Denn die kostspielige Militarisierung des Staates, die mediale Infrastruktur der Propagandamaschinerie und die politische Machtergreifung des extremistischen Hutu-Regimes waren nur mithilfe externer Einflüsse möglich. Doch nur sporadisches Wissen über einzelne internationale Faktoren ist zurzeit in der Literatur vorhanden. Die meisten Forschungsarbeiten verstehen den Völkermord als einen internen, lokalen Konflikt, auf welchen internationale Akteure lediglich reagiert haben. Doch Ruanda war kein isoliertes Land, sondern auf wirtschaftlicher und politischer Ebene mit internationalen Akteuren eng verbunden. Als der Konflikt eskalierte, waren ausländische Soldaten, Friedenssoldaten der UN, NGOs und Botschaften vor Ort und ins Geschehen eingebunden.

Um der globalen Dimension gerecht zu werden, thematisiert meine Promotion die Frage, wie transnationale Verflechtungen, internationale Rahmenbedingungen und geopolitische Interessenbeziehungen den Völkermord in Ruanda 1994 geprägt haben. Insbesondere stehen die Rolle der Weltbank bei der Militarisierung des Regimes, der unerwartete Abzug der Friedenssoldaten nach Ausbruch des Völkermordes und die politische Unterstützung der Täterschaft durch die französische Regierung im Fokus der Arbeit. Da koloniale Stereotypen über „Afrika“ auch das gegenwärtige Verständnis des Völkermordes prägen, stellen die Dekonstruktion eurozentrischer Annahmen und die Aufarbeitung der kolonialen und postkolonialen Vergangenheit Ruandas zentrale Aufgaben dieser Arbeit dar. Denn obwohl die deutsche Kolonialmacht erstmals die sozialen Kategorien Hutu und Tutsi als rassische, ethnische Begriffe umdeutete und durch Ungleichbehandlung tiefgehende Konflikte prägte, findet die Vergangenheit Ruandas im deutschen Geschichtsbewusstsein bisher nur am Rande Platz.