Sarah Beutler, Technische Universität Dresden

Objektive Indikatoren posttraumatischer Dissoziation

Hintergrund: Dissoziation ist ein psychologisches Phänomen, welches im Rahmen verschiedener psychischer Störungen in einem pathologischen Ausmaß auftreten kann. Wiederkehrende posttraumatische Dissoziationen, lange nach Ende eines traumatischen Ereignisses sind ein bekanntes Phänomen bei Betroffenen mit chronischer Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS). Dabei werden üblicherweise Symptome der Depersonalisation (das Gefühl, dass der eigene Körper nicht zu einem gehört oder außerkörperliche Erfahrungen), Derealisation (gekennzeichnet von dem Gefühl, dass die Umwelt sich unecht anfühlt) und Veränderungen der Zeitwahrnehmung sowie des Emotionserlebens berichtet. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um eine negative Symptomatik, d. h. eine Abschwächung des sensorischen und emotionalen Selbsterlebens.

Die Mehrzahl der bisher veröffentlichten Studien zu posttraumatischer Dissoziation nutzte das subjektive Empfinden als Korrelat um solche Veränderungen zu identifizieren.

Aufgrund dieser negativen Symptomatik ist jedoch anzunehmen, dass introspektive Berichte über die Symptomatik selbst erschwert sind.

Bisher ist es der Forschung nicht gelungen, objektive psychophysiologische Indikatoren zu identifizieren, die den Schweregrad der posttraumatischen Dissoziation quantifizieren.

Zielstellung: Unser Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen posttraumatischer Dissoziation und dem Vorhandensein verschiedener physiologischer Veränderungen zu untersuchen, einschließlich elektrophysiologischer Herzaktivität, Muskelspannung, Körperschwankung, Schmerzsensitivität und Geruchswahrnehmung.

Methoden: Untersucht werden Patientinnen mit Posttraumatischer Belastungsstörung im Rahmen zweier Studienansätze.

Im ersten Teil geht es um die Detektion von Veränderungen in der Herzrate während natürlich auftretender Dissoziationen. Hierzu nutzen wir ein Smartphone-basiertes Ecological Momentary Assessment. Dazu bekommen die teilnehmenden Patientinnen ein Smartphone mit einer installierten Applikation, die immer dann aktiviert werden soll, wenn sie bei sich ein dissoziatives Phänomen wahrnehmen (event-basiertes Erhebungsdesign). Über maximal 10 Tage tragen die Patientinnen dann sowohl das Smartphone bei sich wie auch ein mobiles EKG-Gerät, welches kontinuierlich die Herzfrequenz misst. Die Smartphone-Applikation umfasst neben der Erfassung der Zeiträume der erlebten Dissoziation (Klick-Angabe, wenn das Symptom wahrgenommen wird sowie wenn es als beendet wahrgenommen wird) auch z. B. Fragen zur genaueren Beschreibung des erlebten Phänomens, der Intensität oder möglichen Auslösern (Trigger).

Im zweiten Studienteil nutzen wir das Skript-Driven Imagery Paradigma, um posttraumatische Dissoziationen zu evozieren. Dabei werden der Patientin kurze Textstücke vorgespielt, die eine persönliche biografische Szene enthalten, die als emotional neutral empfunden wird und eine Szene mit traumabiografischen Inhalten. Beide werden zuvor mit der Patientin gemeinsam erstellt. Während der Präsentation erfolgt die Messung verschiedener physiologischer Reaktionen und unmittelbar nach jedem Skript werden die Schmerzempfindung und die Geruchsschwelle erfasst. Die physiologischen Reaktionen werden wie folgt erfasst: Elektrophysiologische Herzaktivität über EKG, Muskelaktivität mit an den Muskeln der Patientin befestigten Oberflächenelektroden (Unterschenkel- und Unterarmmuskel), Körperschwankung mithilfe einer Kraftmessplatte, Schmerzsensitivität mit einem mechanischen Schmerzempfindlichkeitstest und Geruchsschwelle mit einem Riechschwellentest. Nach den Tests werden die Patientinnen anhand einer RSDI-Skala (Response to Script Driven Imagery) auf das Ausmaß ihrer Reaktion auf das Trauma-Skript befragt.