Meike Dreckmann-Nielen, Freie Universität Berlin

Erinnerungskulturelle Dynamiken in der ehemaligen Colonia Dignidad

Im Jahr 1961 wanderte der Prediger Paul Schäfer aus Nordrheinwestfalen mit etwa 150 Anhänger*innen seiner selbst gegründeten Glaubensgemeinschaft nach Chile aus. Dort installierte er ein totalitäres Regime, welches von sexualisierter Gewalt an Kindern, Folter, Sklavenarbeit und absoluter Überwachung jedes*r Einzelnen geprägt war und bis zu seiner Festnahme im Jahr 2005 aufrechterhalten werden konnte. Unterstützung erhielt Schäfers Gemeinschaft vor allem ab 1973 auch von prominenter Stelle. Der chilenische Militärdiktator Augusto Pinochet hatte sich am 11. September an die Macht geputscht und ließ fortan Oppositionelle durch seinen Gemeindienst DINA auf dem Gelände der Colonia Dignidad foltern. Auch Deutschland trägt eine Mitverantwortung an den Verbrechen der Colonia: Das Auswärtige Amt hatte jahrzehntelang weggeschaut, obwohl sich auch einzelne Opfer Schäfers konkret und hilfesuchend an Botschaftsmitarbeiter*innen in Santiago de Chile gewandt hatten.

Die Geschichte der Colonia Dignidad gilt als erinnerungskulturell umkämpftes Feld, denn der einstige Ort zahlreicher Verbrechen wurde von seinen Bewohner*innen über die Jahre in ein touristisch gestaltetes Freizeitdorf mit Hotellerie und Gastronomie umgebaut. Während einige dies als Neuerfindung an einem schrecklichen Ort erleben, kritisieren andere diese Nutzung als Opferverhöhnung. Dies ist nur eines von vielen konfliktbehafteten Themen in der Geschichte der Colonia Dignidad.

Im Rahmen meines Promotionsprojektes „Erinnern und Vergessen – Geschichtsbilder in der ehemaligen Colonia Dignidad“ untersuche ich die erinnerungskulturellen Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit der Colonia Dignidad in der heutigen Villa Baviera (Zeitpunkt der Studie 2019-2021). Die Studie orientiert sich an der Vorgehensweise der Reflexiven Grounded Theory Methodologie, wie sie von Franz Breuer und seinen Kolleg*innen angewandt wird. Die Untersuchung nimmt sich zum Ziel, eine Theorie aus den erhobenen Forschungsdaten zu entwickeln, welche den erinnerungskulturellen Diskurs vor Ort datenbasiert und, schließlich in Konzepten abstrahiert, erklären kann.