Konstanty Kuzma, Ludwig-Maximilians-Universität - München

Idealismus als minimaler Empirismus?

Wenn wir Urteile über die Welt fällen - sei es im Alltag, in der Presse, oder in der Wissenschaft - verweisen wir in letzter Instanz auf unsere sinnliche Erfahrung. Wir sagen in anderen Worten, dass wir etwas wissen, weil wir es erfahren haben oder sich dieses Wissen durch Empirie überprüfen lässt.

In einer Kantischen Tradition des Denkens ist dies nur möglich, weil Erfahrung auf gewisse Weise strukturiert ist. Wie diese Struktur zu verstehen ist, ist indes Gegenstand anhaltender Debatten. Während Kant die begriffliche Struktur, die er Erfahrungen zuschreibt, subjektivistisch auslegte (d.h. als Produkt gedanklicher Leistungen), wird gegenwärtig vermehrt versucht, unserer realistischen Intuition gerecht zu werden, dass die Welt genauso verfasst ist, wie wir uns erfahrend und urteilend zu ihr verhalten. Diese Denkfigur verkennt jedoch, dass die Realität zwar auf objektiv gültige Weise strukturiert ist (sonst wäre Wissenschaft nicht möglich), sich hierin aber nur eine gegenständliche Minimalstruktur verbirgt. Anders als von zeitgenössischen Autoren behauptet, besteht deshalb keine Strukturgleichheit zwischen Urteilen und den Erfahrungen, auf denen sie fußen.

In kritischer Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Ansätzen und deren historischen Quellen versuche ich in meiner Arbeit, die Rolle von Begriffen in der Konstitution einer gegenständlichen Welt einerseits, und Urteilen andererseits, trennscharf zu unterscheiden. Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Erfahrungen notwendigerweise auf gewisse Weise strukturiert sind, ohne in diese Strukturierung bereits eine abschließende Sinnkonstitution hineinzulesen. Damit soll die grundsätzliche Objektivität der Wissenschaft einerseits, und die gleichzeitige Abhängigkeit der Realität von unserer Deutung andererseits, aufgezeigt werden.