Christian Kleindienst, Universität - Leipzig

Antisemitismus und Geschlecht. Zur Integration und Kritik antisemitischer Ressentiments in der deutschen und US-amerikanischen Frauenbewegung (1980-2001)

Eine Leerstelle der sozialwissenschaftlichen Antisemitismusforschung ist das Verhältnis von Antisemitismus und Geschlecht. Die wissenschaftliche Literatur zu Antisemitismus fokussiert im Wesentlichen auf männliche Antisemiten, auch wenn in den letzten Jahren zunehmend Beiträge erschienen sind, die auf antisemitische Frauen sowie Antisemitismus und Geschlecht reflektiert haben. Ein Desiderat der Antisemitismusforschung blieben jedoch Studien, welche Antisemitismus von Frauen im Zusammenhang mit spezifischen historischen und sozialen Kontexten untersuchen und nach der kulturellen Einbettung von antisemitischen Vorstellungen in andere Sinnzusammenhänge fragen.

Dies ist Gegenstand meines Dissertationsprojektes, welches aus einer kulturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Perspektive die Konstellation von Antisemitismus, Frauen und Geschlecht entlang kulturell-gesellschaftlicher Kontexte analysiert. Der Fokus liegt dabei auf den seit den 1980er Jahren intensiviert geführten Auseinandersetzungen um Antisemitismus in und im Umfeld der Frauenbewegung der Bundesrepublik und den USA. Das Dissertationsprojekt soll einerseits Wissensräume und Konfliktfelder erschließen, die sich in den 1980er und 1990er Jahren in feministischen Bewegungen entlang der Auseinandersetzungen und Aushandlungen um Antisemitismus entfalteten, und andererseits Artikulationsformen des Antisemitismus in Teilen der Frauenbewegung der Bundesrepublik und den USA herausarbeiten. Die Rekonstruktion von antisemitischen Konzeptualisierungen innerhalb der Frauenbewegung ist mit der Frage nach der Einbettung in kollektiv geteilte Wissensordnungen und soziale Praktiken verknüpft. Diesbezüglich verfolgt das Dissertationsprojekt unter anderem die Frage, als was Antisemitismus verhandelt wurde, wie dieser in feministische Deutungen integriert wurde und wie dieser sich artikulierte. Dazu soll eine kulturtheoretisch fundierten Analyse feministischer Diskurse und Praktiken vorgenommen werden und nach der Anschlussfähigkeit und Integration von antisemitischen Ressentiments in konkreten Kontexten der Frauenbewegung befragt werden. Des Weiteren soll in der Studie untersucht werden, welchen Stellenwert der Transfer von Ideen, Konzepten und Personen insbesondere aus und in den US-amerikanischen Kontext hinsichtlich der Auseinandersetzungen mit Antisemitismus einnahm. Nicht zuletzt sollen auch Fragen nach der Genese neuer Artikulationsformen des Antisemitismus und nach geschlechterspezifischen Artikulationsvarianten kontextualisierend bearbeitet werden.