Andrea Geißler, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Arabischer ḥakawātī und europäischer Harlekin – zur Neubewertung einstiger „vormoderner“ Theaterformen im arabischen Theater und der Einfluss der arabischen Erzählpraxis ḥakawātī/ḥalqa auf die internationalen Theatergeschichte

Al-ḥakawātī/al-ḥlayqī, der klassische arabische „Erzähler“ schart im öffentlichen Raum ZuhörerInnen seiner Geschichten um sich. Er fungiert als Tradent alter Erzählungen, Chronist und Mahner. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er durch die Gunst des Publikums, in früheren Zeiten auch am Hofe eines Mäzens. Dabei steht der Solokünstler der tribal strukturierten Gruppe gegenüber, kann sich bei ihr einschmeicheln, oder aber seinen Status, seine „Narrenfreiheit“ nutzen, um dieser den Spiegel vorzuhalten. Historische Quellen beschreiben die Figur seit der Zeit des Propheten Muhammad unter verschiedensten Namen und an verschiedensten Orten im arabischen Sprachraum als selbstständigen Mimen und Berufserzähler, das Spektrum reicht dabei vom improvisierten Possenreißen zu wörtlich fixierten Erzähl-Stücken. Eine Politisierung erfuhr die Figur seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, etwa als der libanesische Regisseur Roger Assaf sein avantgardistisches Theater Masraḥ al-ḥakawātī (Al-ḥakawātī-Theater) nannte. Dabei deutet die Namensgebung eine „Arabisierung“ des kolonial importierten Theaterbaus durch die Verknüpfung mit der klassisch-arabischen Figur aus dem „kulturellen Erbe“ an; zugleich wird diese Figur, die immer einer freien Schaustellerszene angehörte, institutionalisiert und musealisiert.

Ist der Geschichtenerzähler ḥakawātī/ḥlayqī, bislang nur als Phänomen des sog. Arabischen Theaters bekannt, ein Verwandter oder Vorfahre der europäischen Harlekin-Figur? Mit diesem Wiedergänger des Wandertheaters als einem Bindeglied könnten die Stränge der bisher allzu national verstandenen Theatergeschichten zwischen Europa und der Arabischen Welt einander näher gebracht werden. Zwar ist das Konstrukt des „Arabischen Theaters“ zu hinterfragen, dennoch ist ḥakawātī/ḥalqa gerade als arabisches, genauer arabisch-sprachiges Phänomen interessant, da dieses in (hoch-)arabischer Sprache praktiziert wurde und der Transfer der Erzählstoffe in der gesamten arabischen Welt Verbreitung fand – was die Praxis im regionalen Dialekt (wie etwa Tamazight im Maghreb) freilich nicht ausschließt. Unter Berücksichtigung der besseren Quellenlage und der Publikationsschwerpunkte ist es allerdings sinnvoll, die Untersuchung anhand zweier geografischer Pole zu fokussieren:  Al-ḥalqa im Maghreb und al-ḥakawātī in der Levante. Die Subversivität dieser Figur, die sich heute insbesondere in der Dekonstruktion etablierter Narrative äußert, taucht in zeitgenössischen Arbeiten von Künstlern wie Rabih Mroué (Libanon) und Younes Baba Ali (Marokko) wieder auf, denen allen eine arabische Sprache und Sozialisierung oder ein solcher Migrationshintergrund gemein ist.

In der zeitgenössischen Theater- und Performance-Szene hingegen ist die Internationalisierung dieser KünstlerInnen inzwischen selbstverständlich geworden: Ihre Arbeiten werden kaum wegen ihrer regionalen Spezifik thematisiert, sondern wegen ihrer internationalen Relevanz. Damit behaupten die internationale Performance-Szene und die Theaterwissenschaft/Performance Studies ganz selbstverständlich eine Entwurzelung der KünstlerInnen, aber auch eine Verschmelzung globaler Performancekulturen, eine „Synkretisierung“, die sich erst in den letzten Jahrzehnten seit der digitalen Revolution vollzogen haben soll. Zuvor trennten Theaterwissenschaft und Arabistik die westliche, griechisch-europäische Theatergeschichte von einer arabischen Theaterhistoriografie. In diesem Dissertationsprojekt soll dagegen die Frage aufgeworfen werden, ob es nicht schon viel früher als bisher angenommen Verbindungen zwischen vermeintlich getrennten Theaterkulturen gegeben hat, welche die auffälligen Affinitäten in ihrer Erscheinungsform erklären könnten. Dass diese bisher übersehen wurden, wird dabei als Folge einer Theatergeschichtsschreibung begriffen, die ein sehr beschränktes Modell des europäischen Theaters zum Maß allen übrigen Theaters erhob und von daher in anderen Theaterkulturen wie etwa der arabischen nur eine minderwertige Form sah.

In diesem Dissertationsvorhaben soll hingegen davon ausgegangen werden, dass diesem verengten Theaterbegriff ein allgemeinerer entgegenzusetzen wäre, welcher auch die zahlreichen Formen mit einschließt, die im Zuge der Theaterreformen des 18. Jahrhunderts herabgestuft wurden – denn so werden volkstümliche Formen außereuropäischen Theaters zum Teil überhaupt erst als Theater erkennbar. Als ein Einflussgeber auf eine internationale Theatergeschichte und in Abkehr von einer teleologischen Theatergeschichte soll in diesem Dissertationsvorhaben die Figur und Form der arabischen Erzählpraxis ḥakawātī/ḥalqa erforscht werden; zu Grunde liegt die These der cultural mobility des Gauklers/Geschichtenerzählers ḥakawātī/ḥlayqī und seiner Verwandtschaft mit dem europäischen Harlekin.