„Perm 36“ - Spurensuche im Permer Gebiet

Bildausschnitt aus dem Film "Perm 36"
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In der Gedenkstätte - Bildausschnitt aus dem Film "Perm 36"

Im Ural liegt die einzige GULAG-Gedenkstätte Russlands, die sich auf dem Gelände eines authentischen Straflagers befindet, "Perm 36". Der Film fängt Stimmen aus dem Umfeld ein und zeigt, wie junge Permer Bürger versuchen, trotz staatlicher Hindernisse die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit weiterzuführen.

Im Film „Perm 36“ begibt sich Kerstin Nickig auf eine Forschungsreise zum Zustand der Erinnerung an die Opfer sowjetischer politischer Verfolgung in das Permer Gebiet im russischen Ural. Was macht die Besonderheit dieser Region aus, dass sich eine deutsche Filmemacherin auf eine Reise an den Rand Europas begibt, um sich einem von solcher Schwere geprägten Thema zu widmen?

Perm, die östlichste Millionenstadt Europas, erreichte durch die so genannte „Permer Kulturrevolution“ einen gewissen Bekanntheitsgrad auch in den westlichen Medien. Der liberale ehemalige Gouverneur Oleg Tschirkunow holte gemeinsam mit dem damaligen örtlichen Kulturminister Aleksandr Protasewitsch ab 2007 profilierte Akteure der Kunstsphäre nach Perm, wie etwa den griechischen Opern- und Ballett-Regisseur Teodor Currentzis oder den Moskauer Galeristen Marat Gelman, unter dessen Ägide sich das dortige Museum für moderne Kunst zur internationalen Adresse entwickelte.

Die Permer „Kulturrevolution“ hätte in der Region aber nicht diesen Erfolg gehabt, wenn sie nicht von einer für russische Verhältnisse erstaunlich vielfältigen Zahl der auf bürgerschaftliches Engagement zurückgehenden Initiativen und Projekte getragen gewesen wäre, die Perm den Ruf der „russischen Hauptstadt der Zivilgesellschaft“ einbrachten.

"Perm36" - einzige GULAG-Gedenkstätte Russlands, auf dem Gelände eines authentischen Straflagers - Heinrich-Böll-Stiftung

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Eine Schlüsselrolle spielte dabei zum einen die Permer Vereinigung der Menschenrechtsorganisation Memorial, die sich für die Wahrung des Gedächtnisses an die Opfer der Repressionen der Sowjetepoche und die Unterstützung ihrer Überlebenden engagiert. Zum anderen gingen starke Impulse von dem zivilgesellschaftlich getragenen Museum Perm 36 aus, der einzigen Gedenkstätte Russlands für die „Opfer der Repressionen“ am Ort eines ehemaligen stalinistischen Arbeitslagers und späteren Speziallagers für politische Gefangene, dessen Aufbau von Memorial mit initiiert wurde. Auf dessen Gelände fand, mit regionalen Mitteln gefördert, jährlich das große Bürgerforum „Pilorama“ statt, ein Festival, das mit seinen gesellschaftspolitischen Diskussionen, Arbeitsgruppen, Konzerten und Theateraufführungen bis zu zehntausend Teilnehmer/innen anzog.

Dass sich eine solche Szene ausgerechnet im Ural entwickelte, mag mit der regionalen Geschichte zusammenhängen: In der Stalinzeit war das Permer Gebiet berüchtigt für die Vielzahl seiner GULAG-Straflager und „Spezialsiedlungen“ für Angehörige deportierter Volksgruppen. In der weit hinter der Front aufgebauten Rüstungsindustrie wurden zahllose Arbeitskräfte für die Montage von Rüstungsgütern, aber auch für die Holzbeschaffung benötigt. In der Breschnewzeit war hier der Standort des „Permer Dreiecks“, drei Strafkolonien, die speziell für politische Gefangene eingerichtet worden waren. Da bis heute viele Einwohner des Gebiets von ehemaligen Häftlingen oder Zwangsumgesiedelten abstammen, ist in der Region die Sensibilität für Fehlentwicklungen im Verhältnis von Bürger und Staat und das Interesse, das Gedächtnis an die Jahre des Terrors zu bewahren, entsprechend hoch.

Die Angebote der Jugendabteilung des Permer Memorial an Jugendliche und junge Erwachsene, dazu einen Beitrag zu leisten, waren sehr nachgefragt. So beteiligten sich über 20 Jahre lang hunderte junge Menschen im Rahmen von Freiwilligen-Sommerlagern an der Instandhaltung der Lagerbauten des GULAG-Museums, unternahmen Floßfahrten zu verlassenen Stätten von Arbeitslagern des GULAG, um dort Gedenktafeln anzubringen, oder unterstützten alte und kranke Repressionsopfer bei der Lebensbewältigung.

Die Rückkehr Putins in das Präsidentenamt im Mai 2012 zog vor Ort jedoch grundlegende Veränderungen nach sich: der liberale Gouverneur Oleg Tschirkunow wurde abberufen und durch den weit konservativeren Wiktor Basargin ersetzt. Dieser wiederum besetzte den Posten des Kulturministers mit dem Schauspieler Igor Gladnew, einem Mitstreiter des föderalen Kulturministers Medinskij für die „russische Welt“ und „traditionelle Werte“. Gladnew hat seit seiner Amtseinführung traurige Berühmtheit durch seinen erbarmungslosen Einsatz des Rotstifts in Bezug auf liberale kulturelle Kulturprojekte erlangt: So wurden im Laufe von drei Jahren Marat Gelman entlassen, das Festival „Weiße Nächte“ abgesagt und dem Bürgerforum „Pilorama“ die Mittel gestrichen. Das Museum Perm-36 wurde verstaatlicht und sein ehemaliger Träger entgegen den Absprachen vom Gelände verwiesen. Parallel dazu führte das örtliche Justizministerium zahlreiche Überprüfungen zivilgesellschaftlicher Organisationen auf ihre mögliche Tätigkeit als „ausländischer Agent“ durch, eine Einschätzung, die sich auf den Bezug ausländischer Stiftungsgelder bezieht und durchaus mit einer stigmatisierenden Wirkung einhergeht.

Im Film, gedreht im Frühjahr 2015, wird die besondere Stimmung einer Zeitspanne eingefangen, in der sich viele Hoffnungen des liberalen Teils der Permer Zivilgesellschaft zerschlagen haben, aber noch letzte Freiräume bestehen.

So gelingt es Kerstin Nickig am Permer Beispiel ein eindrückliches Zeugnis des Kampfes um die historische Erinnerung zu erstellen, der heute in der russischen Gesellschaft erbittert ausgetragen wird und auch in der so genannten „Ukraine-Krise“ seinen Ausdruck findet. Inzwischen hat die Jugendabteilung des Permer Memorials im Februar 2016 jedoch ihre Auflösung als juristische Person erklären müssen, um einer Aufnahme in das Register als „ausländischer Agent“ zuvorzukommen. Damit haben die Anhänger einer Lesart der Sowjetgeschichte, in der die Repressionen als notwendiges Übel für den Erhalt der Sowjetunion und den Sieg im „großen vaterländischen Krieg“ relativiert werden, wieder ein Stück mehr an Boden gewonnen.

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