Demokratie lernen und leben in Berlin gestern, heute und morgen










Fachtagung zur demokratiepädagogischen Schulentwicklung in Berlin


20. August 2008




Im Frühjahr 2007 endete nach fünf Jahren das von Bund und Ländern gemeinsam getragene BLK-Programm „Demokratie lernen und leben“, an dem in Berlin 26 Schulen beteiligt waren. Rund ein Jahr später, am 26. Mai 2008 stellten sich nun in der Heinrich-Böll-Stiftung ehemalige Akteure des Berliner Programmteils zusammen mit alten und neuen demokratiepädagogisch Engagierten die Frage, wie sich Praxismodelle, die im BLK-Programm entstanden sind, in der Zwischenzeit entwickelt haben und welchen Stellenwert Demokratiepädagogik in der Berliner Schule insgesamt genießt.

Besonders erfreulich schon zu Beginn: Mehr als 120 Personen waren gekommen, um sich gemeinsam einen Überblick über den aktuellen Stand der Dinge und über mögliche Zukunftsperspektiven in Sachen Demokratiepädagogik in Berlin zu verschaffen. Die von der Heinrich-Böll-Stiftung zusammen mit dem ehemaligen Programmträger in Berlin, der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA Berlin), der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik (DeGeDe), der Berliner Service-Agentur „Ganztägig lernen“, der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung sowie dem LISUM Berlin-Brandenburg veranstaltete Tagung bot ihnen hierzu in dreierlei Weise Gelegenheit: erstens in Form von Rückblicken auf Praxismodelle und Evaluationsergebnisse des Programms, zweitens in Form von theoretischen und praktischen Reflexionen zum Verhältnis von Demokratie und Lernkultur sowie drittens in Form einer Diskussion über die zukünftigen demokratiepädagogischen Perspektiven in Schulen und Schulsystem Berlins.

Rückblick: Lernkarussell und Evaluationsergebnisse

Die beiden zentralen Ziele des Programms, an dem sich bundesweit fast 180 Schulen, 24 davon in Berlin, beteiligten, waren sowohl Wege der Förderung demokratischer Handlungskompetenzen als auch die Entwicklung einer demokratischen, partizipativen Schulkultur zu erproben und zu etablieren. Die in Berlin hierzu gebildeten Schulnetzwerke hatten in diesem Rahmen schwerpunktmäßig an zwei Themen gearbeitet: zum einen an Formen verständnisintensiven Lernens im Unterricht und in Projekten sowie zum anderen an Gelegenheitsstrukturen für kompetentes, verantwortliches Handeln außerhalb des Unterrichts im Bereich der Schule als demokratischer Gemeinschaft. Akteure aus sechs ehemaligen Programmschulen sowie von zwei weiteren Schulen und einer Schüler/-inneninitiative waren nun der Einladung nachgekommen und präsentierten im Rahmen eines sog. Lernkarussells ihre in diesen Themenbereichen entwickelten Projekte. Die Tagungsteilnehmer hatten so dreimal für jeweils eine halbe Stunde Gelegenheit, sich konkret, anschaulich und exemplarisch einen Eindruck über die zwischenzeitlichen Entwicklungen und den Stand der Dinge ein Jahr nach dem Ende des BLK-Programms zu verschaffen.

Zum ersten Bereich verständnisintensiver Formen des Lernens befanden sich im Karussell jeweils die beiden Lernwerkstätten der Wilhelm-Busch-Grundschule in Marzahn-Hellersdorf und der Reinhardswald-Grundschule in Kreuzberg, der Demokratie-Kurs der Friedrich-Ebert-Oberschule (Gymnasium) in Wilmersdorf sowie das Lernen-durch-Engagement-Programm (Service Learning) an der Riesengebirgs-Oberschule (Haupt- und Realschule) in Schöneberg. Zum zweiten Bereich demokratischer Gelegenheitsstrukturen im Bereich der Schule als demokratischer Gemeinschaft waren aus dem ehemaligen BLK-Programm das von Schülern entwickelte, softwaregestützte Feedback-Programm „Ono Systems“ der Otto-Nagel-Oberschule (Gymnasium) in Biesdorf und das aus Aushandlungsrunden zwischen Schülern, Eltern und Lehrern hervorgegangene Projekt „Eltern unterstützen Eltern“ an der Fichtelgebirge-Grundschule in Kreuzberg vertreten.


Darüber hinaus waren im Karussell zum zweiten Themenbereich drei weitere Projekte gekommen, die nach dem Programm oder bereits parallel dazu entstanden, aber auf verschiedene Weise mit ehemaligen Programmakteuren vernetzt sind. Dies waren die Aushandlungsrunden von Schülern, Lehrern und Eltern zur gemeinsamen Formulierung neuer Schulregeln an der Rixdorfer Grundschule in Neukölln, der Klassenrat an der Ruppin-Grundschule in Schöneberg sowie die von Schüler/-innen für Schüler/-innen realisierten Fortbildungs- und Unterstützungsangebote zur partizipativen Schulentwicklung des bundesweit aktiven und in Berlin ansässigen SV-Bildungswerks.

Insgesamt förderte die Zusammenschau dieser „alten“ und „neuen“ Projekte auf exemplarische und eindrückliche Weise zwei Erkenntnisse zu Tage, die man aus demokratiepädagogischer Sicht vor der Tagung vielleicht hätte erhoffen, aber nicht unbedingt hätte erwarten können: So demonstrierten die „alten“, im Verlauf des Programms entstandenen Projekte zum einen ein hohes Maß an substanzieller Kontinuität und Nachhaltigkeit; gleichzeitig wurde zum anderen durch die „neuen“ Projekte ein hohes Maß möglicher und wünschenswerter Transferpotentiale und -perspektiven deutlich. Kurz: War vor der Tagung ungewiss, was von den Projekten übrig geblieben und ob darüber hinaus weiter etwas geschehen sei, so dokumentierte das Lernkarussell die Existenz einer recht lebendigen demokratiepädagogischen Szene in Berlin.
Im Anschluss an das Lernkarussell warf Dr. Hermann-Josef Abs vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt einen Blick zurück auf die Wirkungen des BLK-Programms, die im Rahmen der Begleitevaluation untersucht wurden. Besonders ging Abs dabei auf das Thema der Programmeffekte bei den Schülern ein, da diese erklärungsbedürftig erscheinen und leicht Anlass zu problematisch verkürzten Einschätzungen des Programms bieten können.


So konnte die Evaluation für den Programmzeitraum der Jahre 2003 bis 2006 praktisch keine Veränderungen bei schülerbezogenen Variablen der Perspektivübernahme, Verantwortungsübernahme, politischen Aktivität und Partizipationsverdrossenheit feststellen. Lediglich beim Selbstkonzept eigener politischer Kompetenzen zeigte sich eine positive, allerdings nur leicht und schwach signifikant ausgeprägte Veränderung. Abs wies darauf hin, dass dieses Ergebnis allerdings mit großer Vorsicht zu interpretieren und insbesondere nicht ohne weiteres im Sinne eines Scheiterns des Programms zu werten sei. Da keine Kontrollgruppe befragt wurde, lasse sich nicht abschließend klären, ob nicht vom Programm unabhängige Einflüsse wie eine Veränderung des allgemeinen politischen Klimas oder die Zusammensetzung der Schülerschaft für dieses Ergebnis verantwortlich sind. Erfolge und Misserfolge des Programms müssen demnach, so ließ sich aus diesem Befund schließen, insbesondere pragmatisch im Blick auf praktische Perspektiven beurteilen, die auf dem nachhaltigen Bestand erfolgreicher, aus dem Programm hervorgegangener sowie daran anschließender Projekte, Initiativen und Netzwerke aufbauen.

Gegenwärtige Anregungen und Reflexionen

Die filmische Vorstellung eines solcherart anschließenden Projekts eröffnete denn am Nachmittag passenderweise den zweiten Teil der Tagung. Der vorgeführte Film eröffnete Einblicke in das von der Karl-Konrad-und-Ria-Groeben-Stiftung, der Freudenberg-Stiftung und der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung geförderte Projekt der RAA Berlin „Ein Quadratkilometer Bildung“ im Neuköllner Reuterkiez. Ziel dieses im April 2007 begonnenen und auf zehn Jahre angelegten Vorhabens ist es, Akteure aus Kindertagesstätten, Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen zusammen zu bringen und im Sinne eines gemeinsamen Quartiersmanagements systematische Kooperationen miteinander und mit weiteren Schlüsselakteuren des Stadtteils, insbesondere den Eltern, aufzubauen und gemeinsam zu entwickeln, die auf den Bildungserfolg aller Kinder- und Jugendlichen gerichtet sind.  Zentrales Verbindungsglied ist dabei eine pädagogische Werkstatt, die als methodisch-didaktische Unterstützungsagentur und als Treffpunkt im Stadtteil fungiert.

Gewissermaßen im Sinne eines Kontrapunkts folgte auf diese anschauliche Darstellung demokratiepädagogischer Praxis ein Vortrag von Dr. Wolfgang Beutel zu einem gleichermaßen grundbegrifflichen wie brisanten Thema. Unter dem Titel „Beurteilt oder Beteiligt? Eine kritische Betrachtung von Leistungsbewertungen in der Schule“ setzte sich Beutel in historischer und begriffsanalytischer Perspektive mit dem Problem schulischer Beurteilungssystemen und -praktiken auseinander. Dabei ging es zum einen um eine kritische Analyse von Formen autonomiegefährdender und –feindlicher Beurteilungspraxis in Geschichte und Gegenwart des Schulwesens. Zum anderen wurden Kriterien und Perspektiven alternativer, demokratiepädagogisch förderlicher Formen der Beurteilung von Schülerbeurteilungen wie etwa der Portfolioansatz thematisiert.

Perspektiven: Podiumsdiskussion zur Zukunft der Demokratiepädagogik in Berlin

In einer abschließenden Podiumsdiskussion wurden schließlich Fragen, Probleme und Ideen verhandelt, die die weitere Zukunft der verbleibenden und der neu initiierten demokratiepädagogischen Projekte in Berlin betreffen. Dazu waren auf dem Podium Personen versammelt, die verschiedene diesbezüglich relevante Bereiche und institutionelle Akteure in Berlin repräsentierten. Im Einzelnen diskutierten: Helmut Hochschild, kommissarischer Schulrat der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Neukölln; Sandra Reinmuth, Netzwerk Lernen durch Engagement (Service Learning) der Freudenberg-Stiftung, Prof. Dr. Wolfgang Edelstein, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V.; Siegfried Arnz, Leiter des Berliner Gemeinschaftsschulprogramms der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung; Dorothea Schütze, freiberufliche Beraterin und Prozessmoderatorin demokratischer Schulentwicklungsprozesse; Michael Rump-Räuber, Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg, und Reinhold Reitschuster, Referent für Gesellschaftswissenschaften der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport.


Die Diskussion, in deren Verlauf jede/r der Diskutanten Gelegenheit hatte, die eigene Perspektive und die eigenen Aktivitäten in Berlin in Sachen Demokratiepädagogik zu präsentieren, konzentrierte sich alsbald auf die Frage des Angebots von Fortbildungen im Hinblick auf die Verbreitung und den Transfer demokratiepädagogischer Ansätze sowie das Thema der Beratung und Begleitung für demokratiepädagogische Schulentwicklungsprozesse. Dabei herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass der Aus- und Aufbau entsprechender Unterstützungssysteme der zentrale Schlüssel zu einer erfolgversprechenden Verbreitung demokratiepädagogischer Ideen und Ansätze darstellt und dass dabei neue, sehr viel stärker als bislang prozess- und implementationsbezogene Formen der Fortbildung und Beratung vonnöten sind.

Wie zu Anfang durch das Lernkarussell im Bereich konkreter Projekte wurde durch die Podiumsdiskussion im Bereich der Verwaltung und der zivilgesellschaftlichen Organisationen ein erfreulich großes Maß bestehender und sich entwickelnder demokratiepädagogischer Aktivitätsstrukturen zu Tage gefördert. Nichtsdestotrotz wurde auch deutlich, dass diese Strukturen trotz erheblicher Überscheidungen und Übereinstimmungen organisatorisch zu großen Teilen parallel voneinander existieren und agieren und insgesamt noch ein sehr fragmentiertes Gesamtbild ergeben. Am Ende des Tages war damit die weitere Aufgabe für die Veranstalter der Tagung klar. Es muss weiter daran gearbeitet werden, die bestehenden Fragmente zu einem möglichst festen und feinmaschigen Netz staatlicher, zivilgesellschaftlicher und schulischer Akteure zu spinnen.

Bericht von Tobias Diemer, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik (DeGeDe) und Silke van Kempen