Belarus 2

Wie kommt das Ermittlungskomitee an Daten über die Zahl und Art der Verletzungen?

Die Gesamtzahl der Opfer von Polizeigewalt im Verlauf der Protestaktionen kann nicht genau bestimmt werden. Die Daten, die uns zur Verfügung stehen, betreffen nur die Situation in Minsk und in der Haftanstalt von Schodino, obwohl die Gewalt auch in anderen Städten von Belarus ausgeübt wurde. Darüber hinaus werden dem Ermittlungskomitee nur die Fälle bekannt, in denen die Protestierenden entweder ins Krankenhaus eingeliefert wurden oder sich selbst an die Rettungsstellen gewandt haben, oder aber, sie haben sich entschieden eine Anzeige gegen Polizei- und Sicherheitskräfte zu stellen.

Eine unserer Quellen im städtischen Krankenhaus Nr. 10, wo verletzte Protestteilnehmer eingeliefert wurden, erklärte uns, dass die Ärzte alle solche Fälle der Polizei melden - die Meldung erfolgt über die Registrierungsstellen der Krankenhäuser. Dieses Vorgehen wird auch von einem Mitarbeiter einer Rettungsstelle in Minsk bestätigt: „Wenn wir in den Unterlagen zum Rettungseinsatz solche Diagnosen wie „geschlossene Schädel-Hirn-Verletzung, Verstauchungen, Knochenbrüche usw. vermerken, dann müssen wir da auch die Ursache für die Verletzung nennen. Wir vermerkten überall „kriminell“ und fügten hinzu, dass nach Aussage von Patienten die Verletzungen ihnen von Mitarbeitern der Polizei, der Bereitschaftspolizei (OMON) oder von Verkehrspolizisten zugefügt wurden.  Nach Angaben unseres Gesprächspartners werden solche Informationen automatisch an die Polizei übermittelt, woraufhin die Ärzte vorgeladen werden um eine Aussage zu machen.

Andere Protestteilnehmer haben möglicherweise Verletzungen erlitten, die keiner Behandlung bedurften, oder sie haben sich an medizinische Freiwillige gewandt [Ärzte und anderes medizinisches Personal, das sich außerhalb des Dienstes bei den Protesten vor Ort erste und andere medizinische Hilfe leistet - Anm. d.Ü.] und haben keine Anzeige beim Ermittlungskomitee erstattet. Es sind Fälle bekannt, bei denen eine Anzeige gegen die Sicherheitskräfte zu einem Strafverfahren gegen die Opfer der Gewalt selbst geführt hat; das motiviert die Menschen dazu unterzutauchen, ins Ausland auszureisen und keine Sicherheitsbehörde zu kontaktieren.