Wertschätzung Ja - Inwertsetzung und Monetarisierung von Natur – Nein Danke!

Kommentar

Wir brauchen keine „Versöhnung von Ökonomie und Ökologie“, sondern ein klares Nein gegen zerstörerische und ausbeuterische Projekte und Politiken – und eine Repolitisierung der ökologischen Debatte. 

Röntgenbild eines Fisches
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Ökossysteme müssen geschützt werden

Wir leben über unsere Verhältnisse. Vier von neun ökologischen Belastungsgrenzen unseres Planeten sind bereits überschritten: Biodiversität ist unwiederbringlich verloren gegangen, durch die Landnutzung zerstören wir großflächig Ökosysteme. Das Klima und der Stickstoffkreislauf haben sich für immer verändert. Bei der Versauerung der Ozeane stehen wir kurz davor, die natürliche Grenze zu überschreiten. Irreversible Schäden können entstehen, die die Bewohnbarkeit der Erde maßgeblich verändern. Wir rotten Tiere und Pflanzenarten aus, überfischen und vermüllen die Meere und beuten natürliche Rohstoffreserven aus. Wir holzen tropische Wälder ab, legen Monokulturen an und überdüngen Böden und Gewässer. Die „Versöhnung von Ökonomie und Ökologie“ alleine wird es da nicht richten. Es braucht dafür erstens ein grundsätzliches Nachdenken darüber wie wir wirtschaften und dabei mit der Natur umgehen. Die Quelle unseres Reichtums haben wir zerstört, uns bis in den letzten Winkel der Welt untertan gemacht. Was wir neben einem grundsätzlichen Umdenken ganz schnell brauchen, ist ein klares Nein gegen zerstörerische und ausbeuterische Projekte und Politiken, die ein Weiter so der Ausbeutung der Natur betreiben.

Doch statt den Eigenwert oder das Eigenrecht der Natur endlich wieder zu achten, hat sich längst eine andere Denkweise breitgemacht: Natur als Naturkapital zu betrachten, sie in ökonomischen terms zu messen, ihre Dienstleistungen in Geldwert auszudrücken und sie in Preisen auszudrücken, gilt als Weg, Natur und Ökosysteme zu schützen. Das ist dann aber weniger die Ökonomie überdenken als Natur nochmals kapitalistisch umzudefinieren.

Allerorten sprießen wissenschaftliche Beiträge und politische Initiativen aus dem Boden, werden konkrete Instrumente entwickelt, die eines zum Ziel haben: Leistungen von Ökosystemen und Natur zu errechnen und möglichst für den Markt zu quantifizieren.

Ohne Zweifel bringen Ökosysteme große Leistungen für die Gesellschaft und uns Menschen hervor. Aus der Natur beziehen wir Nahrung, Wasser oder Energie. Ökosysteme regulieren das Klima und speichern Wasser, Bienen bestäuben unsere Pflanzen, Riffe und Mangroven sind die Kinderstuben für Fische und andere Meerestiere. Und schließlich sind Ökosysteme Räume, in denen wir Kraft schöpfen und die uns spirituell erneuern. All das wertzuschätzen, ist ein wichtiger Schritt und eine starke Motivation, die Natur und ihre biologische Vielfalt zu erhalten. Diesen Eigenwert der Natur zu erhalten, oder ihr ein Eigenrecht zu geben, das müsste unser politisches und wirtschaftliches Bestreben sein.

Naturschutz vor Wirtschaftsinteressen

Ein wirksamer Ansatz wäre, die Haupttreiber ihrer Zerstörung in Schach zu halten. Dazu braucht es zuallererst politischen Willen, der dem Naturschutz Vorrang vor ökomischen Interessen gibt; Interessen, die dazu führen, dass zum Beispiel Savannen in Sojafelder und Viehweiden verwandelt und tropische Wälder für Palmöl und Hölzer kahlgeschlagen, dass die Meere überfischt und Gewässer verschmutzt werden.

Stattdessen wird die monetäre Inwertsetzung der Leistungen der Ökosysteme zur Hoffnungsträgerin im Biodiversitäts- und Naturschutz. Was die Natur an Dienstleistungen produziert und bereitstellt, soll in Marktpreisen ausgedrückt werden. 16 Billionen Euro im Jahr bringen die Wälder global an Ökosystemleistungen, heißt es. Die Korallenriffe schaffen es immerhin auf 8,6 Bio Euro pro Jahr – all das berechnen Wissenschaftler/innen und Institute.

Hat die Natur nur einen Wert, wenn sie ein Preisschild bekommt?

Dieser Sichtweise liegt die Annahme zugrunde, Natur würde besser geschützt, wenn wir endlich diesen Wert sichtbar machen und als Naturkapital im Bruttoinlandsprodukt abbilden. Das soll auch politische Entscheidungen zum Schutz befördern. Das kann durchaus ein Weg sein, doch gibt es kaum Beispiele dafür, dass diese volkswirtschaftlichen Berechnungen in größerem Maßstab Vorrang vor privatwirtschaftlichen Investitionsentscheidungen bekommen hätten. Wenn wir wissen, welchen Nutzen Bienen mit ihren Bestäubungsleistungen haben, dann muss es doch politisch in erster Linie darum gehen, die Praktiken der industriellen Landwirtschaft abzustellen, die die Ursache des Bienensterbens sind.

Neben den volkswirtschaftlichen Berechnungen sollen zudem einzelne Leistungen der Natur selbst einen monetären Wert bekommen. Während die einen von Ökosystemleistungen sprechen, reden diejenigen, die monetarisieren wollen von Ökosystemdienstleistungen. Einzelne ökologische Funktionen wie das Speichern von CO2 durch Wälder, Böden oder Moore werden gemessen, quantifiziert, mit einem Preis versehen und durch CO2-Zertifikate zur handelbaren Ware.

Nicht nur, dass dieser Ansatz grundsätzliche methodische Probleme hat: Ökosysteme sind komplex, nicht statisch und von vielen Einflüssen abhängig. Wie also sollen der Wert und die Preise der Natur bestimmt werden? Können die Vielfalt und die komplexen Prozesse von Ökosystemen überhaupt in metrischen Skalen und Geldwerten korrekt erfasst werden? Es gibt auch ein Demokratie- und Gerechtigkeitsproblem: Wer legt fest, was einen Preis bekommt und wie hoch er ist? Und wem gehören die Erlöse?

Dennoch hat die Quantifizierung von Ökosystem(dienst)leistungen längst Einzug in die Klima- und Naturschutzpolitik gehalten. Die Bemessung und Bepreisung von Kohlendioxid (CO2) ist Vorreiterin und die geradezu idealtypische Umsetzung der Idee des Naturkapitals.

Jedes Ökossystem ist einzigartig

In der Wald- und Naturschutzpolitik geschieht folgendes: Über CO2- Preise werden hier vor allem Kompensationsmaßnahmen berechnet und zwar für die Zerstörung – nämlich  Emissionen. Mit anderen Worten: Ich emittiere oder zerstöre hier und gleiche das an einem anderen Ort aus, zum Beispiel durch Aufforstungsprojekte. Das umweltschädliche Produzieren einer Zementfabrik in Westfalen wäre somit potentiell verrechnen- und handelbar mit der waldschützenden Lebensweise einer indigenen Gemeinschaft im Amazonas.

Der internationale Flugverkehr will seine Emissionsreduktionsziele – neben u.a. effizienteren Antrieben – auch durch diese Kompensationsgeschäfte erfüllen. Diese Verrechnung und Kompensation –  sie wird Offsetting genannt – steht zu Recht in der Kritik. Ökosysteme sind lokal, standortgebunden, oft endemisch. Sie sind nicht vergleichbar, sie sind einzigartig, werden aber über so genannte CO2-Äquivalente vergleichbar gemacht. Das ist kein vielversprechender, sondern ein beunruhigender Trend in der Naturschutzpolitik. Etwas anderes ist es, ob zum Beispiel Bauern dafür bezahlt werden, dass sie Naturschutz betreiben. Diese Bezahlung für Ökosystemleistungen ist ein Ansatz und Anreiz, dem aber der Schutzgedanke zugrunde liegt und nicht die Kompensation einer Schädigung.

Die Ökosystemleistungen, die Natur gehören uns allen, sie sind öffentliche Güter und werden häufig gerade von lokalen und indigenen Gemeinschaften als Commons betrachtet. Im Namen des Naturschutzes werden diese öffentlichen Güter jetzt vielerorts in private Märkte mit Eigentümern verwandelt. Dabei werden soziale und politische Konflikte häufig ausgeblendet, die durch unser Wirtschaften entstehen. Die Natur wird zu dem zurechtgestutzt, was verwertbar für das Kapital und die Wirtschaft ist.  Und nur das wird geschützt. "The nature that capital can see" –  kritisierte der Umweltökonom Morgan Robertson im Jahr 2004 – auch für ihn der absolute falsche Weg.

Wertschätzung der Natur

Statt der Ökonomisierung einzelner ökologischer Leistungen brauchen wir eine echte Wertschätzung unserer Natur. Wir müssen die „Rhythmen der Natur“ („Laudatio Sie“, Papst Franziskus) wieder anerkennen, sie lassen und sie nicht noch mehr in die Logik der Rendite und Kapitalmärkte hineinziehen.

Die Einpreisung externalisierter Kosten, die für die Allgemeinheit entstehen, ist in vielen Fällen durchaus einer von mehreren Instrumenten, die das Umsteuern auf weniger Ressourcenverbrauch und Emissionen unterstützen können. Die Ausbeutung und Zerstörung von Ökosystemen der Natur, braucht aktuell vor allem ein  klares Nein gegen zerstörerische und ausbeuterische Projekte und Politiken, wie wir sie trotz Klimakrise und Verlust der Biodiversität allerorten erleben, denn der Run auf Rohstoffe aller Art, die Eroberung  fossiler Lagerstätten geht in verantwortungsloser Weise  und fast ungebrochen im globalen Maßstab weiter.

Dieser Kommentar ist in einer ersten Fassung am 29. November 2016 erschienen und wurde nun aktualisiert.