Alexander von Humboldt Superstar

Hintergrund

Naturforscher und Netzwerker, Kosmopolit und Künstler – Alexander von Humboldt war bereits zu Lebzeiten ein Phänomen. Die Erkenntnisse und Methoden des „Vaters der Umweltbewegung“ erscheinen verblüffend aktuell.

Humboldt und Bonpland am Chimborazo
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Humboldt und Bonpland am Fuß des Vulkans Chimborazo (1810)

Am 14. September 2019 wäre Alexander von Humboldt 250 Jahre alt geworden. Humboldt galt bereits zu seiner Lebenszeit als bedeutender Naturforscher und Intellektueller. Er war auf der ganzen Welt berühmt. Für das, was heute Klimaschutz heißt und für die Begründungszusammenhänge der Öko-Bewegung sind seine Erkenntnisse, ja sein ganzes Leben und Werk, grundlegend. Dieser Eindruck verfestigt sich, wenn man die preisgekrönte Biografie „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“ von Andrea Wulff liest.

Alexander von Humboldt bereiste von 1799 bis 1804 Lateinamerika. Es drängte ihn danach zu verstehen, wie in der Natur, ja im gesamten Kosmos, alles mit allem zusammenhängt. Deswegen sammelte er ununterbrochen Daten und verglich sie miteinander. Ebenso interessiert war er an den Menschen und Lebenswirklichkeiten auf dem noch wenig erforschten Kontinent. Den Indigenen begegnete er mit Respekt, er bewunderte ihr Naturwissen und die Komplexität ihrer Sprache.

Klimawandel und Klimagerechtigkeit

Im Jahre 1800 reiste Humboldt durch Venezuela. Am Valencia-See erkannte er die grundlegende Funktion des Waldes für unser Ökosystem und entwickelte seine Theorie vom Klimawandel. Plantagenbesitzer hatten Bäume gefällt, um Land freizulegen. Als Folge konnte der Boden nicht mehr genügend Wasser speichern und der Wasserspiegel des Valencia-Sees sank - zum Leidwesen der Indigenen. Dieses Phänomen beobachtete Humboldt auch auf vielen seiner nachfolgenden Forschungsreisen.

Andrea Wulff schreibt, dass Humboldt durch diese Erkenntnisse und deren Niederschrift ungewollt zum Vater der Umweltbewegung wurde.

Alexander von Humboldt erkannte nicht nur, wie die Menschen Ökosysteme empfindlich stören und zerstören. Er zeigte auf, wie die Ausbeutung von Menschen und die Ausbeutung natürlicher Ressourcen ineinandergriffen. In der Hochphase des Kolonialismus und der Sklaverei über universale Menschenrechte und Umweltschutz zu reflektieren war außergewöhnlich. Heute findet sich diese Auffassung im Konzept von Klimagerechtigkeit. Klimagerechtigkeit betrachtet den menschengemachten Klimawandel als ethisches und politisches Problem und nicht bloß als ökologische und technisch lösbare Herausforderung.

Alexander von Humboldt schrieb vom „Menschenunfug“, der die Natur bedroht. Er erkannte, dass Menschen die Macht haben, ihren eigenen Lebensraum zu zerstören. Er konnte sich eine Zukunft vorstellen, in der Menschen andere Planeten besiedeln, was angesichts der menschlichen Gier keine gute Aussicht für diese Planeten sei.

Das Naturgemälde – die erste Infografik der Welt

Alexander von Humboldt brachte Natur und Kunst zusammen. Er malte und skizzierte sehr viel,- das musste er ja, denn Fotoapparate wurden erst um 1840 entwickelt. Sein berühmtestes Bild ist zugleich ein Gründungsdokument der Ökologie. Es ist das so genannte Naturgemälde, ein Bild des Chimborazo in Ecuador.

Abbildung aus Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgemälde der Tropenländer
"Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgemälde der Tropenländer" - Entworfen von Alexander von Humbold, gezeichnet 1805 in Paris von Schönberger und Turpin, gestochen von Bouquet, die Schrift von L. Aubert, gedruckt von Langlois.

Humboldt war 1802 knapp bei dem Versuch gescheitert, den Berg zu besteigen. Eine Gletscherspalte trennte ihn vom Gipfel auf 6.500 Metern. Der Aufstieg war beschwerlich und gefährlich, aber das hinderte Humboldt nicht daran, fortwährend Messungen zu machen und Gesteinsproben mitzunehmen. Der Blogger Andreas Moser bezeichnet das Naturgemälde als „erste Infografik der Welt“, also als erste visuelle Repräsentation von Gesamtzusammenhängen in einer Abbildung.

PR-Profi und Netzwerker

Alexander von Humboldt war vom Forschergeist getrieben und wollte seine Erkenntnisse mit dem Rest der Welt teilen. Ein bisschen Eitelkeit war wohl auch im Spiel. Zeitungen in Europa druckten seine Reiseberichte und Humboldt machte fleißig PR in eigener Sache. Nicht zuletzt ging es auch darum, Geld für seine Forschung aufzutreiben.

Laut Andrea Wulff war Alexander von Humboldt ein Wissenschaftler, der bei der Erlangung, Verarbeitung und Verbreitung „harter“ wissenschaftlicher Daten Gefühle zuließ. Er bekundete, von der Natur fasziniert zu sein und sprach vom Zauber der Natur. Das Netz des Lebens, wie alles miteinander zusammenhängt, das erkenne man eben nicht nur durch die naturwissenschaftliche Vermessung der Welt.

Humboldt brachte Kunst und Naturwissenschaften auch zusammen, indem er den Schutz der Ökosysteme als gesamtgesellschaftliche Aufgabe sah, der sich eben auch die Künste verpflichten sollten.

Die Versuchung liegt nah, ergründen zu wollen, was Alexander von Humboldt zu „Fridays for Future“ gesagt hätte. Gleichwohl liegt auf der Hand, dass es auf diese Frage keine Antwort gibt. Wer in den Humboldt-Kosmos eintaucht, dürfte fasziniert und verblüfft sein, wie aktuell seine Erkenntnisse zu gesellschaftlichen Naturverhältnissen und Klimawandel erscheinen.


Die Verfasserin weist darauf hin, dass es in Lateinamerika eine durchaus kritische Rezeption Humboldts und auch des hier zitierten Bestsellers von Andrea Wulf gibt. Es gibt in der Fachwelt unterschiedliche Auffassungen dazu, inwiefern Humboldts Blick auf die Welt und auch das hier zitierte Buch eurozentristisch sind.